
Lübeck – 42,195 Kilometer – so lang ist die Strecke eines Marathons. Für viele Menschen bleibt sie ein einmaliges Ziel im Leben. Für Rahimullah Osmani war sie kein Wettkampf, kein Training, sondern ein Mittel zum Zweck. Als wegen der Folgen eines Unwetters die Zugverbindung zwischen Bad Oldesloe und Lübeck ausfiel, entschied sich der 20-Jährige kurzerhand für den ungewöhnlichsten Umweg: Er lief die Strecke zu seinem Kickboxtraining – und danach wieder zurück.
22,5 Kilometer zum Combat Sports Lübeck, Trainingseinheit absolviert, weitere 22,5 Kilometer nach Hause. Insgesamt fast 45 Kilometer. Aus dem Stand. Ohne großes Aufsehen. Für Osmani war es keine Heldentat, sondern Konsequenz. „Ich wollte einfach trainieren“, sagt er schlicht.
Keine Ausreden, immer nach vorne
Diese Haltung zieht sich durch Osmanis Leben. Mit 16 Jahren kam er nach Deutschland, sprach kaum Deutsch, fand aber schnell Halt im Kampfsport. Seitdem trainiert er im Combat Sports Lübeck – konsequent, zuverlässig, mit bemerkenswerter Disziplin. „Am Anfang mussten wir uns tatsächlich mit Händen und Füßen verständigen“, erinnert sich Trainer Andreas Wiechmann. „Das war eine Herausforderung. Umso schöner ist es zu sehen, wie er sich nicht nur sportlich, sondern auch persönlich entwickelt hat.“
Heute spricht Osmani fließend Deutsch, ist fest integriert und verfolgt seinen Weg mit bemerkenswerter Zielstrebigkeit. Bis Sommer 2024 ging er zur Schule, arbeitete anschließend als Pflegehelfer in einem Altenheim. Seit 2025 absolviert er eine handwerkliche Ausbildung. Der Kampfsport ist dabei sein konstanter Begleiter – unabhängig von Wetter, Fahrplänen oder Tagesform. „Wenn der Zug nicht fährt, zieht er seine Laufschuhe an“, sagt Wiechmann. „Für ihn sind die 22,5 Kilometer kein Hindernis, sondern ein Warm-up.“
Ein Charakter, der hängen bleibt
In über drei Jahrzehnten als Trainer hat Andreas Wiechmann vieles gesehen. Besondere Talente, außergewöhnliche Geschichten, extreme Persönlichkeiten. Doch Osmanis Marathonlauf zum Training war selbst für ihn neu. „Der Kampfsport bringt viele spezielle Charaktere hervor“, sagt Wiechmann und schmunzelt. „Aber das ist selbst mir noch nicht untergekommen. Natürlich ist das extrem – aber es zeigt seine Einstellung. Zum Sport und zum Leben.“ Osmani selbst macht daraus kein großes Thema. Für ihn zählt der nächste Schritt. Das nächste Training. Der nächste Kampf.
Kämpfer mit Willen und Erfahrung
Seit seiner Volljährigkeit steht Osmani regelmäßig für das Combat Sports Lübeck im Ring. Rund zehn Kämpfe hat er in den vergangenen zwei Jahren bestritten – eine beachtliche Zahl. Die meisten davon gewann er. Nicht immer durch technische Überlegenheit, aber fast immer durch seinen unbedingten Willen. „Aufgeben ist für mich keine Option“, sagt Osmani. „Egal ob im Training oder im Kampf.“
Besonders in Erinnerung geblieben ist ihm sein Auftritt bei den Storm Fighting Championships Newcomer im September 2025. Als Main Event stand Osmani im letzten Kampf des Abends im Ring – im eigenen Gym, vor vielen bekannten Gesichtern. „Das war etwas ganz Besonderes“, sagt er. „Der letzte Kampf des Abends, bei uns im Gym, mit so vielen Leuten, die mich unterstützt haben.“ Nach drei intensiven Runden gewann er den Kampf nach Punkten.

Wenn Freundschaft im Ring pausiert
Dass Kampfsport nicht nur körperlich, sondern auch emotional fordernd sein kann, erlebte Osmani, als er bei den Storm FC Newcomer gegen einen Freund aus Hamburg antreten musste. „Natürlich hat mir das nicht gefallen“, sagt er offen. „Aber wir haben das sportlich gesehen. Für die Kampfzeit haben wir unsere Freundschaft ruhen lassen.“ Ein pragmatischer Umgang mit einer Situation, die vielen Athleten schwerfällt – und ein weiteres Zeichen für seine Reife.
Neue Herausforderung: Storm Rules
Bei den Storm Fighting Championships Volume 2 am 9. Mai wagt Osmani nun den nächsten Schritt: den Wechsel in die Storm Rules. Kleinere Handschuhe, mehr Dynamik, zusätzlich erlaubte Wurftechniken – ein Regelwerk, das Härte und Vielseitigkeit verlangt. „Als ich ihm gesagt habe, dass er nach Storm Rules kämpfen wird, haben seine Augen gestrahlt“, erzählt Wiechmann. „Er brennt für diese Herausforderung.“
Ab Februar besucht Osmani einen speziellen Kurs im Combat Sports Lübeck, um sich gezielt auf das neue Regelwerk vorzubereiten. Zuvor steht jedoch noch ein weiterer Test an: Am 28. Februar tritt er bei den MMA Cage Fights in Rostock im klassischen K1-Regelwerk an.
Lübeck gegen Bremen – Duell der Hansestädte
Der Gegner bei Storm FC Volume 2 kommt aus Bremen. Maze Wempen vom Contact Gym Bremen wird Osmani gegenüberstehen. Der 22-Jährige lebt aktuell in Thailand und bereitet sich dort auf den Kampf vor. „Das ist kein Kampf, bei dem man sich Fehler erlauben darf“, betont Wiechmann. „Beide bringen sportlich sehr viel mit – entsprechend hoch ist das Niveau dieser Begegnung.“
Auch Osmani blickt mit Respekt, aber klarer Haltung auf das Duell „Ich weiß, dass mein Gegner sich aktuell in Thailand vorbereitet und dort hart trainiert“, sagt der Lübecker. „Für mich ist das ein zusätzlicher Ansporn. Ich will zeigen, dass unsere Arbeit hier in Lübeck genauso Früchte trägt.“ Und wenn auf dem Weg dorthin wieder einmal Hindernisse auftauchen? Dann schnürt Rahimullah Osmani vermutlich einfach seine Laufschuhe.
Tickets erhältlich
Tickets für die Storm Fighting Championships Volume 2 sind ab 25 Euro erhältlich unter www.stormfc.de.
Bildquellen
- Osmani Kampf: Nils Glieden Fotografie/oH, Instagram: @fotografie_nilsg
- Osmani: Nils Glieden Fotografie/oH, Instagram: @fotografie_nilsg
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