Holstein Kiel: Tim Walter bügelt Journalisten ab – „Darum sitzen Sie da und ich hier“

Spannende Pressekonferenz vor dem nächsten wichtigen Spiel – und Sportchef will Strategie ändern

Tim Walter ist seit 45 Tagen Trainer von Holstein Kiel. Foto: Lobeca/Mascha Holm

Kiel – Wer Tim Walter kennt, weiß, dass er sich vor seine Mannschaft wirft wie ein Löwe. Die Drucksituationen kennt der Trainer von Holstein Kiel bereits aus seiner Zeit beim Hamburger SV. Dort war oft Sand im Getriebe, der Aufstieg wurde knapp verpasst. Jetzt geht es nicht um die Meisterschaft oder einen der ersten drei Plätze in der 2. Bundesliga, sondern um den Klassenerhalt. Und Kiel ist nicht Hamburg. Dennoch scheint der 50-Jährige wieder in alte Muster zu fallen. Seine Herausforderung wirkt wie seine erneute Dünnhäutigkeit. Das spürte man zum ersten Mal seit seiner Amtsübernahme bei den “Störchen“. Der Abstieg droht.

Vor dem wichtigen Auswärtsspiel am heutigen Freitag (10.4.) in Düsseldorf (HL-SPORTS berichtete) gab sich Walter gewohnt kämpferisch – doch der Ton gegenüber den Medien war rauer. Zwischen Sarkasmus und Arroganz: Ein Protokoll der dünnen Nerven.

Eigentlich ist die Lage klar: Platz 16, der Motor stockt, und nach dem zähen Remis gegen Münster braucht die KSV Holstein dringend Punkte. Doch wer am Mittwoch die Pressekonferenz verfolgte, sah keinen Trainer, der den Schulterschluss mit der Öffentlichkeit suchte. Man sah einen Walter, der sichtlich bemüht war, die Kontrolle zu behalten, aber der die Pressevertreter wie Gegenspieler behandelte, die man mit einer Körpertäuschung oder einem harten Einsteigen ins Leere laufen lassen muss.

„Schön abgelesen“ – Abfuhr statt Analyse

Schon früh in der Fragerunde wurde deutlich, dass Walter wohl an diesem Tag wenig Lust auf tiefgründige Analysen hatte. Als ein Reporter des NDR eine Frage zum Thema „Mut im Abstiegskampf“ stellte, folgte kein fachlicher Diskurs, sondern ein süffisanter Seitenhieb: „Schön abgelesen die Frage“, ätzte Walter. Ein kleiner Giftpfeil gegen die journalistische Sorgfalt, der den Ton für die kommenden Minuten setzte.

Auch bei Personalfragen gab sich der Coach wortkarg bis abweisend. Wer wissen wollte, wie es um den verletzten Alexander Bernhardsson steht, wurde kurz angebunden abgewatscht: „Da müssen Sie meine medizinische Abteilung fragen. Da bin ich der falsche Ansprechpartner.“ Dass ein Cheftrainer normalerweise über den Fitnesszustand seiner Schlüsselspieler informiert ist, geschenkt. Walter wollte an diesem Tag vermutlich vor allem eines: Mauern.

„Du liegst falsch“ – Die Ein-Mann-Wahrheit

Besonders deutlich wurde die Gereiztheit, als das Thema „Energie“ auf den Tisch kam. Andreas “Opa“ Geidel von den Kieler Nachrichten wagte die These, das Spiel wirke derzeit etwas energielos – eine Beobachtung, die viele Fans nach den vergangenen Auftritten teilen dürften. Walters Reaktion kam wie aus der Pistole geschossen: „Sehr gut erkannt. Du liegst falsch.“ Punkt. Ende der Diskussion.

Es ist diese absolute Überzeugung von der eigenen Sichtweise, die Walter schon bei seinen vorherigen Stationen oft zum Verhängnis wurde. Im Erfolg wirkt das souverän, in der Krise jedoch wie purer Trotz.

„Dann können wir ja den Job tauschen“

Den traurigen Höhepunkt der „Nettigkeiten“ hob sich der 50-Jährige für den Schluss auf. Als ein Journalist eine fundierte taktische Überlegung zu Talent Frederik Rösling anstellte und vorsichtig nachfragte, ob dieser vielleicht eine Option für die Startelf sei, platzte Walter der Kragen.

„Dann können wir ja den Job tauschen“, herrschte er den Fragesteller an. „Dann können Sie meinen Job machen, ich mache Ihren Job, dann können Sie entscheiden, ob Frederik spielt oder nicht.“ Und als wäre das nicht schon herablassend genug, folgte der Satz, der wohl als Sinnbild für diesen Auftritt stehen bleibt: „Darum sind Sie da und ich sitze hier.“

Fazit: Souveränität sieht anders aus

Es ist ein alter Mechanismus: Wenn der sportliche Erfolg ausbleibt, wird das Fell dünner. Walter versucht, die Kritik durch vermeintliche Arroganz wegzulächeln, doch die Signale sind eindeutig. Die „Ich-gegen-den-Rest-der-Welt“-Attitüde mag die Mannschaft intern vielleicht zusammenschweißen – nach außen hin wirkt sie jedoch wie das Pfeifen im Walde. Da war er wieder: der Löwe…

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Eines ist sicher: Wenn Holstein in Düsseldorf nicht liefert, könnte Walter bald sehr viel Zeit haben, um darüber nachzudenken, wo er sitzt. Dann vielleicht nicht mehr auf der Trainerbank, sondern zu Hause vor dem Fernseher.

Rebbe räumt Fehler ein

Während der Trainer auf Konfrontation setzt, bemüht sich Sportchef Olaf Rebbe um moderatere Töne, räumt aber auch Versäumnisse ein. In einem Interview war er offen und warb auch um Verständnis. Den Kieler Nachrichten gegenüber sagte er zur Kaderplanung für die neue Saison: „Aufgrund der aktuellen sportlichen Lage herrscht dort logischerweise noch eine gewisse Zurückhaltung. Diese ist normal in so einer Situation, lässt uns aber natürlich nicht so agil auf dem Markt agieren, wie wir es uns manchmal wünschen würden.“ Er blieb offen und versprach zum Thema Neuzugänge: „Der erste Blick geht zu der eigenen Jugend, dann auf den deutschen Markt, erst im Anschluss in Richtung Skandinavien und zuletzt auf andere Märkte.“ Somit will man an der Förde die bisherige Strategie ändern.

Dabei war es der 47-Jährige, der den aktuellen Kader zusammenstellte. Und: „Wir haben im letzten Jahr viele Dinge angestoßen und Strukturen geschaffen, die aber Zeit brauchen, bis gewisse Mechanismen greifen. Dazu gehört auch, dass wir langfristig gesehen ein Ziel verfolgen.“ Dabei stellt sich die Frage: Wie ist die KSV vorher nur so weit gekommen?

Zwischen Angriff und Furcht wirkten diese beiden Mediengespräche. Während Walter zum Saisonende nach aktueller Vertragslage wieder weg ist, hat Rebbe noch einen Vertrag. Doch auch hier stellt sich die Frage: Darf er weitermachen – auch in der 3. Liga?

Bleibt Holstein Kiel in der 2. Bundesliga?

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