VfB Lübeck mit Erfolg gegen die mathematische Logik – Bilanz eines Paradoxons

Trotz Etat-Platz eines Abstiegskandidaten zum stabilen Mittelfeldplatz: Architekt Harms braucht nun Planungssicherheit

Sebastian Harms, Sportvorstand des VfB Lübeck. Foto: sr

Lübeck – Wenn man so kurz vor Saisonende die nackten Zahlen der Regionalliga Nord betrachtet, liefert der VfB Lübeck in dieser Spielzeit ein Paradoxon. Mit einem Spieleretat, der ligaweit lediglich in Abstiegsregionen rangiert, hat der Verein den Klassenerhalt bereits durch einen emotionalen Derbysieg gesichert. In einer Branche, in der Erfolg meist proportional zum finanziellen Einsatz verläuft, ist dies eine Bilanz, die Fragen aufwirft. Sportvorstand Sebastian Harms, seit Februar 2022 im Amt, zieht nun ein erstes, detailliertes Fazit einer Saison, die von extremen wirtschaftlichen Leitplanken und einem radikalen sportlichen Umbruch geprägt war. Dabei geht es auch um die Zukunft des Kaders, denn bisher haben nur das Trainerteam sowie Marvin Thiel einen Vertrag über den Sommer hinaus. Nun soll auch dort der nächste Schritt gemacht werden.

Die wirtschaftliche Hypothek und der Faktor Zeit

Der Blick zurück auf den vergangenen Sommer zeigt, unter welchem Druck die Kaderplanung stand. Harms macht keinen Hehl daraus, dass die Rahmenbedingungen auf der Lohmühle schwierig waren. „Hätten wir vor der Saison gewusst, dass wir den Klassenerhalt so frühzeitig sichern, hätten wir das sofort unterschrieben“, reflektiert er auf Nachfrage von HL-SPORTS. Die Suche nach Lösungen für den Kader dauerte ungewöhnlich lange, da jeder Euro aufgrund der wirtschaftlichen Konsolidierung dreimal umgedreht werden musste. Auch wenn die Fans schon ungeduldig waren, hat es am Ende sehr gut gepasst.

Das Ergebnis war eine Mannschaft, die von vielen Beobachtern zunächst als “No-Name-Truppe“ abgestempelt wurde. Doch Harms verteidigt diesen Weg: „Man sieht deutlich, wie sich die Mannschaft über die Saison hinweg gefunden und gesteigert hat. Die Prinzipien des Trainerteams wurden verinnerlicht.“ Für ihn ist der frühe Klassenerhalt keine Glückssache, sondern das Resultat einer „sehr intensiven und hervorragenden Arbeit“ von Team und Trainerstab unter herausfordernden Bedingungen.

Scouting als Überlebensstrategie

In einem Umfeld, in dem sportlicher Erfolg oft käuflich ist, musste der VfB Lübeck kreativ werden. Die Strategie: Spielern eine Bühne bieten, die woanders durch das Raster gefallen sind oder vor dem nächsten Karriereschritt stehen. „Unser Ziel war es, aus unseren Möglichkeiten das Beste herauszuholen und den Spielern gleichzeitig eine Bühne für ihre Weiterentwicklung zu bieten“, erklärt der Sportchef. Als konkretes Beispiel nennt er Antonio Verinac, der den Weg an die Lohmühle nutzte, um sich wieder ins Rampenlicht zu spielen. Die Botschaft ist klar: Wer beim VfB Leistung bringt, wird gesehen – ein Argument, das Harms im Scouting-Prozess hoch gewichtet. Mit einem prall gefüllten Vereinskonto wäre der Weg vermutlich sogar noch weitergegangen. Da haben es andere Clubs, beispielsweise eine Liga höher, sogar leichter, da sie kein eigenes Stadion besitzen und unterhalten müssen.

Die Allianz im Vorstand: Sanierung trifft Sport

Ein zentraler Punkt in der Bilanz von Harms ist die interne Statik des Vereins. Die Zusammenarbeit mit Dr. Dieter Gudel und Tobias Redlich beschreibt er als ein enges Vertrauensverhältnis, das auch Reibungen aushält. „Natürlich gibt es auch mal Meinungsverschiedenheiten, aber letztlich kommen wir immer auf einen Nenner im Sinne des VfB. Das gilt übrigens ebenso auch für die Zusammenarbeit mit dem Trainerteam und dem Aufsichtsrat“, so Harms.

Dieser interne Schulterschluss war notwendig, um den Verein wirtschaftlich weiter zu gesunden, ohne die sportliche Konkurrenzfähigkeit komplett aufzugeben. So wurden Verbindlichkeiten weiter abgebaut, während gleichzeitig eine Mannschaft auf dem Platz stand, die stabil durch die Saison ging. Diese Balance zwischen kaufmännischer Vorsicht und sportlichem Risiko bezeichnet er als „tägliche Herausforderung“, die man jedoch gemeinsam gemeistert habe.

Ruhe als Fundament für “Anstoß Zukunft“

Lübeck gilt traditionell als unruhiges Pflaster, doch in der laufenden Spielzeit blieben große Beben aus – trotz des schmerzhaften Ausscheidens im Landespokal. Für Harms ist diese Ruhe die Grundvoraussetzung für Erfolg: „Ohne Ruhe und Geschlossenheit ist erfolgreiches Arbeiten in schwierigen Phasen überhaupt nicht möglich.“ Dass man sich im Vorstand, mit den Gremien und dem Aufsichtsrat sowohl sportlichen als auch wirtschaftlichen Erfolg gemeinsam untergeordnet habe, wertet er als den entscheidenden Schlüssel der vergangenen Monate.

Besonders im Hinblick auf das Projekt “Anstoß Zukunft“ und die geplante Ausgliederung sieht er in dieser Geschlossenheit das Fundament. Er beschreibt den VfB als „familiären Verein mit kurzen Wegen“, der nur dann eine Chance am Markt hat, wenn alle VfBerinnen und VfBer in Funktionen, alle Mitarbeitenden und auch alle Fans, Spinsoren und Aktiven – vom Breitensport bis zur Regionalliga-Mannschaft – in dieselbe Richtung arbeiten.

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Bedarf an Planungssicherheit

Trotz der positiven Bilanz in der Liga mahnt Harms für die kommenden Monate zur Wachsamkeit. Der Prozess der wirtschaftlichen Genesung sei noch nicht abgeschlossen, müsse aber Hand in Hand mit der sportlichen Entwicklung gehen. Sein Blick richtet sich bereits auf die neue Saison, wofür er klare Forderungen stellt: „Wir brauchen natürlich Planungssicherheit und klare Rahmenbedingungen, um in die konkrete Planung für die neue Mannschaft zu gehen. Zwischen dem Ausichtsrat und dem Vorstand sind vertrauensvolle Gespräche dazu bereits angelaufen und wir werden hier sicherlich zeitnah noch einen großen Schritt weiterkommen.“

Das Ziel ist es, aktuelle Leistungsträger zu binden und den Weg der kleinen, aber stabilen Schritte fortzusetzen. Harms ist überzeugt, dass der eingeschlagene Kurs der „Akribie und Kreativität bei wirtschaftlicher Vernunft“ den VfB nachhaltig wieder in bessere Zeiten führen wird.

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  • Harms: sr
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