
Jeden Tag eine Vorstellung in der Hansestadt: Ob das die besten Darbietungen im Lübecker Fußball waren, die in dieser Woche gezeigt wurden? Ich wage das auf den ersten Blick zu bezweifeln. Vor allem die Zeitpunkte, die man sich in den Chef- und Kontrolletagen ausgedacht hat, um Führungspersonen loszuwerden, lassen einen sehr kritischen Blick darauf richten, den man sonst an die Tafel wirft. Der Schwamm liegt aber auch wohl vermutlich schon bereit, damit man die Themen schnell wieder wegwischen kann, so dass sie keiner mehr sieht. Eines ist aber klar: In den vergangenen Jahren waren sich Adler und Grün-Weiße nie so nah wie jetzt.
Adigo raus!
Montag: Man denkt an nichts Böses und zack ist Cristiano Adigo an der Travemünder Allee seinen Job los. Dabei hatte der Trainer gerade erst seine Mannschaft wieder eingefangen und nach neun Spielen ohne Sieg wieder zum Erfolg geführt. Das war Anfang April. Die zwei nächsten Pleiten folgten, darunter das Derby, wo sich die “Könige der Lüfte“ eine katastrophale Bruchlandung leisteten. Der Stachel saß bestimmt tief, doch es war hausgemacht. Das Thema 3. Liga war sowieso schon lange abgehakt – wie auch, und vor allem wo? Da ist der Mann aus Benin schon so lange bei den Vögeln und man feiert im Dezember noch die Vertragsverlängerung für zweieinhalb Jahre bis zum Sommer 2028 (!!). Vier Monate später passt es dann nicht mehr und man setzt den Kevin Wölk bis zum Saisonende auf die Bank. Der war erst im Januar auf dem Flugplatz gelandet, nachdem er seinem Vertragsende in Dornbreite zuvorkam und dort selbst abrauschte. Die Tränen waren schnell getrocknet, denn bei der Zweiten war er schon kurze Zeit später zurück in der Oberliga. Der Pokal soll nun auf jeden Fall her, damit man die Saison nicht völlig unter seinen sehr guten Voraussetzungen verballert. Vielleicht gibt es ja im Sommer auch wieder einen großen Umbruch – das wäre nichts Neues. Und ein neuer Chefcoach müsste auch her, will man wenigstens einen A-Lizenz-Inhaber an der Seitenlinie haben. Wir werden sehen, wie dieser Zirkus weitergeht und ob wir den nächsten Trainer des Jahres in der Hansestadt erleben.
Abbe will nicht mehr
Dienstag: Acht Minuten weiter auf der Lohmühle schmeißt Carsten Abbe hin. Der Vorsitzende des Aufsichtsrates erklärt seinen Rücktritt zum Sommer. Bamm! Das sitzt. Die Erklärung privater Natur ist nachvollziehbar, doch bekannte er sich noch vor wenigen Wochen zu „Team Gudel“. Nun ist er also raus aus dem Bus zur Manege. Und waren es nur die erklärten Gründe oder möglicherweise doch Unstimmigkeiten, was die Zukunft des Vereins angeht? Man weiß es nicht…
Der Architekt hat seine Schuldigkeit getan, der Architekt darf gehen…
Mittwoch: Nächster Banger: Der Sportvorstand darf gehen. Zum Heimspiel gegen Drossel wird Sebastian Harms verabschiedet und am Tag der Arbeit hat er erstmal frei.
Es ist wieder etwas passiert – und zwar der Aufsichtsrat ist wieder passiert. Hat dieses Gremium schon wieder eine neue Schaubude aufgemacht, bei der die Außenwelt nur mit dem Kopf schüttelt. Zwei Tage vor dem Optionsende gab man dem Sportvorstand den Laufpass. Freistellung in der Zeit von Kaderplanung für die neue Saison. Grandios. Ersatz? Niemand! Trainer und Co-Trainer sollen das interimsweise machen.
Ein guter Rat(h) ist (nicht) teuer
Donnerstag: Ein dritter Vorstand wird vorgestellt. Sebastian Rath übernimmt die Finanzen. Der Unternehmensberater hat schon sehr gute Arbeit in der Finanzkommission abgeliefert. Cool! Aber hätte man ihn nicht schon früher ehrenamtlich einsetzen können, um den Kassenwart zu machen? Nach Daniela Wedemeyer hat der Verein gesucht. Dr. Dieter Gudel übernahm den Posten zusätzlich, rettete den Verein zweimal in einem halben Jahr vor einer Insolvenz. Am Abend, rund um die Begegnung gegen den Tabellenzweiten, wischt man sich auf den Tribünen noch die Tränen weg, die die Fans und Sponsoren um Harms hinterhertrauern.
Das Team holt einen sensationellen Punkt gegen Drochtersen/Assel, kann nicht mehr absteigen und so oder so geht es um nichts mehr bis zum Saisonende. Das kann dann so durchlaufen. Der Coach und sein Kompagnon dürfen den neuen Kader zusammenschrauben und haben hoffentlich noch keinen Urlaub gebucht, denn das mit den Spielerverhandlungen wird vermutlich nicht in zwei Wochen fertig sein. Man setzt also auf die „Sparcard“. Harms war wohl zu teuer. Das spricht zwar niemand aus, aber die Botschaft schwirrt trotzdem in der Luft. Vorbereitet scheint das trotzdem nicht, denn ein adäquater Ersatz ist noch nicht gefunden. Ein Harms 2.0, der verhandlungsstark mit Spielerberatern und Leihen ist, hat seine Visitenkarte noch nicht abgegeben. Der Verein ist klamm, da werden die Bewerber sicher nicht Schlange stehen. Könnten vielleicht Timo Neumann und Lui Marheineke zurückgeholt werden? Doch würden die sich das überhaupt antun, haben sie die Kontakte?
Tag 1 im neuen Vorstand
Freitag: Tag der Arbeit, es ist ruhig im Stadion an der Autobahn. Der Club befindet sich gerade in den größten Umstrukturierungen seiner Geschichte. Die GmbH muss und wird kommen, sonst steht das Finanzamt vor der Tür und streicht das „gemeinnützig“. Der neu zusammengesetzte Vorstand darf sich nun erst einmal kennenlernen. Tobias Redlich als Vorstand Breitensport, Gudel und Rath.
Ist Gudel der Nächste?
Sonnabend: Oder sind es doch bald nur noch zwei Vorstände mit Redlich und Rath? Das Trio mit vier Fäusten hat sich ein blaues Auge eingefangen. Harms ist weg. Aber wer sagt, dass Gudel nicht der nächste ist? Ob dann vor allem die Sponsoren nicht doch noch mal überlegen, wer denn zukünftig das Sagen in der Kapitalgesellschaft oder dem Verein hat, ist für sie nicht ganz unwichtig. Da müsste der Aufsichtsrat schon ein richtig dickes Kaninchen aus dem Hut zaubern, wenn sie sich neben Finanzen, Fanstreit, Ausgliederung und anderen kleinen Nebenkriegsschauplätzen nicht eine weitere Front aufbauen wollen. Aber so einen schicken Hoppel-Hasen hat man rund um die Lohmühle derzeit nicht gesehen.
Sport trifft Politik
Sonntag: Noch ist Lübeck grün-weiß und freut sich auf 27 Grad. Das Süppchen wird weitergekocht, so viel steht fest. Nur das Marketing kann theoretisch frei machen, denn die unsichere Zukunft an der Trave könnte man als Abziehbild mit der Politik der großen Koalition 1:1 tauschen. Man würde vermutlich keinen Unterschied erkennen.
Zirkus-Ende?
Mein Fazit zu dieser „bösen Woche“ ist wie folgt: Beim Entsorgungsbetrieb Phönix hat man das gemacht, was man am besten kann. Und auf der Lohmühle könnte es mit einem noch geringeren Etat und einer funktionierenden Führung von Platz 16 in diesem Ranking zur Roten Laterne übergehen. Man hört Stimmen, die allerdings behaupten, dass es besser wird. Deren Wort in Gottes Ohr. Glück auf Lübeck.
Vielen Dank, dass Sie heute meine Vorstellung besucht haben.
Liebe Grüße
Ihr Dompteur Roland Kenzo







