
Lübeck – Wenn Jan Dalitz über Fußball spricht, merkt man schnell: Hier geht es um weit mehr als nur 90 Minuten auf dem Platz. Der 41-Jährige vom FC Dornbreite Lübeck gehört zum ersten Schiedsrichter-Förderkader „Klare Linie“ der Gemeinnützigen Sparkassenstiftung zu Lübeck – und bringt dabei eine große Portion Leidenschaft, Energie und Begeisterung für den Amateurfußball mit, wie im Interview mit HL-SPORTS deutlich wird.
Zufall oder Schicksal?
Dabei führte ihn ein eher zufälliger Weg zurück an die Pfeife. Ursprünglich sei er wieder zum Fußball gekommen, weil sein Sohn spielen wollte, erzählt Dalitz. Weil im Verein Betreuer fehlten, habe er zunächst die Betreuung der damaligen F-Jugend übernommen. Der entscheidende Moment folgte schließlich an einem Sonnabend auf der Vereinsanlage: Für zwei E-Jugendspiele wurde kurzfristig ein Schiedsrichter gesucht. „Da der Trainer wusste, dass ich mit 14 oder 15 schon mal Schiri war, hat er gefragt, ob ich einspringen könnte“, erinnert sich der 41-Jährige. Diese beiden Spiele hätten ihn sofort daran erinnert, „wie viel Spaß man als Schiri haben kann“. Nach mehr als 20 Jahren Pause entschied er sich deshalb, erneut die Schiedsrichterlizenz zu erwerben.
„Die Lohmühle ist in Lübeck halt eine Adresse“
Seit 2021 sammelt Dalitz nun Erfahrungen an der Pfeife – und durfte bereits einige besondere Momente erleben. Dazu zählen unter anderem das Frauen-Kreispokalfinale zwischen ATSV Stockelsdorf und Fortuna St. Jürgen 2023, das Herren-Kreispokalfinale der unteren Mannschaften 2025 sowie zuletzt 2026 als Assistent beim Frauen-Kreispokalfinale zwischen dem VfB Lübeck und Eichholzer SV.
Besonders emotional sei für ihn allerdings ein anderes Spiel gewesen: die Partie der VfB-Lübeck-Frauen gegen Fortuna St. Jürgen auf der Lohmühle. „Die Lohmühle ist in Lübeck halt eine Adresse“, sagt Dalitz. „Dort selbst mal im Stadion stehen zu dürfen und auf dem Rasen ein Spiel zu leiten, das hatte schon was.“
Doch nicht nur die großen Spiele bleiben ihm in Erinnerung. Auch abseits des Ligabetriebs habe er bereits besondere Erfahrungen sammeln dürfen – etwa bei einer Einladung zum regionalen Podcast „Watt’n’Pass“ oder beim Bananenflankenturnier, einem Fußballturnier für Kinder mit Beeinträchtigungen. Gerade diese Vielfalt mache die Schiedsrichterei für ihn so besonders.
Verantwortung und Druck
Was ihn am meisten reizt? Verantwortung, Druck und die Herausforderung, konstant Leistung zu bringen. Dalitz beschreibt sich selbst als seinen „größten Kritiker“. Sein Anspruch sei es, jedes Spiel mit voller Konzentration und maximalem Einsatz zu leiten – unabhängig von Spielklasse oder Tabellenstand. „Ich mag es gefordert zu werden“, erklärt er. „Und als Schiedsrichter trägt man Verantwortung, steht auch mal unter Druck und muss performen.“
Besonders motivierend seien für ihn die Rückmeldungen aus dem Fußballumfeld. Wenn Mannschaften bereits vor dem Anpfiff sagen würden: „Als wir gesehen haben, dass du heute kommst, waren wir alle schon mal beruhigt“, dann bedeute ihm das viel.
Mehr Realismus gefragt
Natürlich gehöre auch Kritik zum Alltag eines Schiedsrichters. Dalitz spricht offen über den hohen Erwartungsdruck im Amateurfußball. Häufig höre man Aussagen wie: „In der Bundesliga wird das so aber niemand pfeifen.“ Dafür wünsche er sich manchmal mehr Realismus. „Wer Kreisliga spielt, darf halt auch keinen VAR erwarten“, sagt er mit einem Augenzwinkern. Fehler würden schließlich überall passieren – bei Spielern genauso wie bei Schiedsrichtern.
Eine besondere Herausforderung sei zudem die körperliche Belastung. Mit über 40 müsse er hart dafür arbeiten, fit genug zu bleiben, um mit deutlich jüngeren Spielern mithalten zu können. „Auf Großfeld kommen schnell acht bis zehn Kilometer Laufleistung zusammen – plus mentaler Fokus“, erklärt Dalitz. „Kommt man körperlich an seine Grenze, ist geistig oft schon lange Schluss.“
„Wir brauchen Schiedsrichter“
Trotz aller Herausforderungen überwiegt für ihn aber klar die Begeisterung für den Sport und die Menschen dahinter. Gerade die vielen Begegnungen, Gespräche und gemeinsamen Projekte würden ihm enorm viel geben. „Im Sport gibt es so viele positiv Verrückte, die für ihre Sache brennen“, sagt der Lübecker lachend.
Große Erwartungen verbindet er nun auch mit dem Förderprojekt „Klare Linie“. Das Netzwerk könne aus seiner Sicht eine wichtige Chance sein – nicht nur für den Fußball, sondern sportartübergreifend. Besonders wichtig sei ihm dabei der gemeinsame Gedanke hinter dem Projekt.
„Wir brauchen einfach Schiedsrichter – nicht nur im Fußball“, betont Dalitz. Gleichzeitig könne das Projekt helfen, mehr Verständnis füreinander zu schaffen. Sein Wunsch: Weg vom Denken „wir Sportler und ihr Schiris“ – hin zu einem gemeinsamen Miteinander. „Wir spielen, betreuen, trainieren, organisieren, pfeifen – alle aus dem gleichen Grund: Wir lieben unseren Sport und brennen dafür.“






