Eine Familie, ein Verein, 42 Jahre Leidenschaft: Die Geschichte der Knothes und des FC Anker Wismar

Bernhard, Veronika, Andreas und Christin heißen die stillen Helden

Christin Krischewski (links), Andreas Knothe (Mitte), Veronika Knothe (Zweite von rechts) und Bernhard Knothe (rechts) zusammen mit den Schiedsrichtern Tobias Starost und Andy Stolz. Foto: Antonia Schauland/oH
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Wismar – Manchmal beginnt eine Vereinsgeschichte mit einem Tor, einem Aufstieg oder einem großen Spiel. Die Geschichte der Familie Knothe beginnt dagegen mit einer Frage: „Hast du Interesse, die Mannschaft zu betreuen?“ Aus ein paar Jahren wurden 42. Aus dem Engagement eines Einzelnen wurde eine ganze Familie. Und aus einem Fußballverein wurde für die Knothes irgendwann eine zweite Familie.

Es gibt Menschen, die kommen zum Fußball, wenn gespielt wird. Und es gibt Menschen, die dafür sorgen, dass überhaupt gespielt werden kann. Sie stehen selten im Mittelpunkt, sitzen nicht unbedingt auf der großen Bühne und feiern ihre Erfolge nicht im Rampenlicht. Sie waschen Trikots, schmieren Brötchen, organisieren Busse, schreiben Spielberichte, kümmern sich um Spieler, verkaufen Karten oder stehen am Mikrofon.

Bei den Knothes war das über Jahrzehnte so.

Was 1984 mit einer Anfrage an Bernhard Knothe begann, wurde zu einer 42 Jahre langen Familiengeschichte. Erst bei der TSG Wismar, ab 1997 beim neu gegründeten FC Anker. Bernhard und seine Frau Veronika, Tochter Christin Krischewski mit Ehemann Lars sowie Sohn Andreas mit Freundin Antonia Schauland waren über Jahrzehnte Teil des Vereinsalltags. Auch der älteste Sohn Marcus war zeitweise als Stadionsprecher aktiv. Nur die jüngste Tochter Katharina blieb dem Vereinsgeschehen weitgehend fern.

Heute ist das Engagement beendet. Die Verbindung zum FC Anker aber bleibt.

Alles begann mit einer einfachen Frage

Im Frühsommer 1984 fragte Dieter „Jule“ Zimmermann, damals Trainer der ersten Männermannschaft der TSG Wismar, Bernhard Knothe, ob er sich vorstellen könne, die Mannschaft als Betreuer zu unterstützen. Bernhard sagte zu.

Was zunächst nach einem überschaubaren Ehrenamt klang, sollte sein Leben über Jahrzehnte begleiten. Bis zur Gründung des FC Anker war er bei der TSG aktiv, anschließend 29 Jahre beim neuen Wismarer Verein.

„Zwei, drei Jahre sind o.k.!“, hatte Veronika damals gesagt. „Nun sind dann 42 daraus geworden.“

Bernhard wurde dabei weit mehr als Mannschaftsbetreuer. Er arbeitete in der Fußball-Abteilungsleitung der TSG, saß acht Jahre im Präsidium des FC Anker und engagierte sich über Jahrzehnte auch auf Kreis- und Landesebene. 30 Jahre gehörte er dem KFV Wismar beziehungsweise später dem KFV Schwerin-Nordwestmecklenburg an, war Mitglied im Spielausschuss des Landesfußballverbandes und viele Jahre als Schiedsrichteransetzer tätig.

Für seine langjährige Arbeit wurde er unter anderem mit der goldenen Ehrennadel des FC Anker, der goldenen Ehrennadel des Landesfußballverbandes Mecklenburg-Vorpommern und der Verdienstnadel des NOFVausgezeichnet.

Doch Bernhard war nie allein.

„Nur einer alleine, das geht nicht“

Denn irgendwann wurde aus Bernhards Ehrenamt ein Familienprojekt. „Nur einer alleine, das geht nicht!“, sagt er rückblickend.

Veronika war zunächst diejenige, die ihrem Mann den Rücken freihielt. Während Bernhard zum Fußball ging, kümmerte sie sich um Kinder, Haushalt und alles, was zu Hause anfiel. Doch schon bei der TSG übernahm auch sie erste Aufgaben rund um die Mannschaft.

Sie kaufte und schmierte Brötchen für Auswärtsfahrten, kümmerte sich um Verpflegung und übernahm später gemeinsam mit der Familie die Wäsche. Mit der Gründung des FC Anker 1997 und dem sportlichen Aufstieg wurde daraus immer mehr Arbeit.

Trainingswäsche, Spielwäsche, Lebensmittel, Obst, Getränke, Vorbereitung der Mannschaftsverpflegung – vieles landete bei den Knothes.

Veronika selbst hat zum Fußball eine eher nüchterne Beziehung. „Vom Fußball habe ich, muss ich zu meiner Schande gestehen, nach wie vor nicht viel Ahnung“, sagt sie lachend. Bei den Spielen des eigenen Vereins war sie trotzdem immer dabei – allerdings eher nervös als taktisch interessiert.

Ihre Rolle war eine andere: Sie kümmerte sich um die Menschen. „Der gute Geist im Hintergrund“, nennt Bernhard seine Frau.

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Die letzte Auswärtsfahrt des FC Anker mit der Familie Knothe. Foto: Christin Krischewski/oH

Andreas: Mit 13 am Mikrofon

Auch die Kinder wuchsen ganz selbstverständlich in diesen Fußballalltag hinein.

Sohn Andreas war gerade einmal 13 Jahre alt, als er Stadionsprecher wurde. Sein Vater war bereits seit Jahren im Wismarer Fußball aktiv. „Da ging man früher halt mit“, erzählt Andreas.

Aus dem Jungen am Mikrofon wurde ein fester Bestandteil des Vereins. Beim Übergang von der TSG zum FC Anker blieb er Stadionsprecher. Außerdem wusch er zeitweise die Mannschaftswäsche und fotografierte für die Zeitung.

Heute ist Andreas weiterhin als Schiedsrichter aktiv und arbeitet unter anderem als Schiedsrichter-Ansetzer und Staffelleiter beim KFV Schwerin-Nordwestmecklenburg.

Auf seine Zeit bei Anker blickt er mit vielen Erinnerungen zurück: „Aufstiege, Abstiege, DFB-Pokal und viele tolle Leute“ gehören dazu.

Und der Verein schenkte ihm sogar eine ganz persönliche Geschichte: Seine Freundin Antonia lernte Andreas vor rund 20 Jahren bei Anker kennen.

Seine Schwester Christin nennt ihn „fußballverrückt“, Bernhard beschreibt ihn schlicht mit den Worten: „Andreas kennt alle und jeden.“

Tini, die „Mutter der Kompanie“

Christin, die im Verein meist Tini genannt wurde, fand ebenfalls ihren eigenen Platz bei Anker.

Mit der Vereinsneugründung 1997 wurde eine Kassiererin gesucht. Christin hatte Interesse am Fußball und stieg gemeinsam mit ihrem Mann Lars ein. Später übernahm ihr Mann die Kasse dauerhaft, während Christin andere Aufgaben übernahm.

Sie wurde Zeugwartin, Mannschaftsbetreuerin und Schiedsrichter-Betreuerin. Gemeinsam mit ihrem Vater kümmerte sie sich um die Mannschaft, mit ihrer Mutter um den VIP-Raum.

Ihre Aufgaben waren vielfältig: Trainings- und Spielwäsche, Vorbereitungen für Auswärtsfahrten, Einkäufe, Brote, Obst, Getränke und Essen. Die Familie teilte sich die Arbeit auf.

Doch Christin war nicht nur für Material und Organisation zuständig. Sie hatte einen besonderen Draht zu den Spielern, war Ansprechpartnerin bei kleinen und größeren Problemen und kümmerte sich um ihre „Wehwehchen“.

Bernhard nennt sie deshalb „die Mutter der Kompanie“. Christin selbst bringt die Bedeutung der Familie für all das auf einen einfachen Nenner: „Ohne Familie wäre es nicht gegangen.“

Ein Verein, der zum Familienleben gehörte

Mit den Jahren wurde der FC Anker für die Knothes zu einem festen Bestandteil des Familienlebens. Urlaub musste mit dem Spielplan abgestimmt werden, Wochenenden wurden rund um Heim- und Auswärtsspiele organisiert.

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Wenn einer nicht konnte, sprang ein anderer ein. Selbst als Andreas und seine Freundin Antonia vor mehr als zehn Jahren aus Wismar wegzogen, blieb die Verbindung bestehen. Zu den Heimspielen kamen sie weiterhin und halfen beispielsweise bei der Verpflegung oder der VIP-Betreuung.

Und der Fußball reichte sogar bis in die privaten Familienfeiern. Bei der Silberhochzeit von Bernhard und Veronika, die in einer Gaststätte am Stadion gefeiert wurde, veranstalteten die Kinder unter anderem einen Wettbewerb darum, wer am schnellsten Spielertrikots aufhängen konnte.

Fußball war längst mehr als ein Hobby. „Es war unsere zweite Familie“, sagt Veronika.

Das lag auch an den vielen persönlichen Beziehungen, die über die Jahre entstanden. Spieler und Trainer kamen und gingen, manche Kontakte blieben. Mit ehemaligen Spielern pflegt die Familie bis heute Verbindungen. Auch jüngere Spieler wurden irgendwann ganz selbstverständlich geduzt und herzlich begrüßt.

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Ein „Edelfan“ aus Riesa mit Christin Krischewski, Bernhard Knothe und Veronika Knothe. Foto: Christin Krischewski/oH

Die großen Spiele bleiben

Natürlich gehören auch sportliche Höhepunkte zur Geschichte der Knothes.

Bernhard erlebte den ersten Aufstieg des FC Anker in die NOFV-Oberliga 1999, weitere Verbandsligameisterschaften und Aufstiege sowie die großen Pokalspiele.

Besonders in Erinnerung bleiben die beiden Landespokalfinals gegen die TSG Neustrelitz und Hansa Rostock. Nach dem verlorenen Finale gegen Hansa 2011 durfte Anker aufgrund des gleichzeitigen Rostocker Aufstiegs in die zweite Bundesliga in der ersten DFB-Pokalrunde antreten. Auf der Lübecker Lohmühle wartete Hannover 96. Rund 6.000 Zuschauer sahen die Partie. Auch das Landespokal-Halbfinale 2015 gegen Hansa Rostock im Ostseestadion gehört zu den besonderen Erlebnissen.

Doch für die Familie waren nicht nur die großen Spiele entscheidend. Es waren vor allem die vielen Menschen, die sie auf diesem Weg kennenlernte.

Bernhard bringt seine jahrzehntelange Erfahrung mit einem Augenzwinkern auf den Punkt: „Ich habe sehr viele Trainer ‚überlebt‘.“

Nach 42 Jahren ist Schluss

Irgendwann aber kommt auch für eine solche Geschichte der Moment, an dem man loslassen muss.

Die Entscheidung zum Abschied reifte über längere Zeit. Der Aufwand wurde größer, die Familie wollte ihre freie Zeit wieder selbst bestimmen können. Hinzu kam der bevorstehende Umbruch beim FC Anker.

Die Knothes beschlossen, die Saison noch zu Ende zu bringen und danach aufzuhören. Der Zeitpunkt erwies sich im Nachhinein als passend: 16 Spieler verließen den Verein, dazu kamen Veränderungen auf der Trainer- und Funktionärsebene.

„16 Spieler verließen den Verein, praktisch ‚unsere Familie‘“, sagt Bernhard.

Für die Knothes bedeutete das Ende des eigenen Engagements deshalb auch einen großen personellen Schnitt beim Verein. Die Verabschiedung nach dem letzten Heimspiel fiel herzlich aus. Vorstand und Mannschaft sagten Danke, anschließend wurde gemeinsam gegessen.

Und trotzdem fühlt sich der Abschied für Christin noch gar nicht endgültig an. „Im Moment fühlt es sich noch wie Sommerpause an.“

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Die Knothes werden vom Vorstand des FC Anker verabschiedet. Foto: Christin Krischewski/oH

Jetzt ist Zeit für die eigene Familie

Nach Jahrzehnten, in denen der Spielplan den Familienkalender mitbestimmte, gibt es plötzlich etwas, das lange rar war: freie Zeit.

Christin sagt: „Jetzt aber sehr viel Zeit für die Familie ohne Termine zu planen, dass es mit dem Spielplan passt.“

Auch Andreas hat einen persönlichen Grund, den richtigen Zeitpunkt gekommen zu sehen. Im Juli wurde sein Kind geboren. Der Fokus liegt nun auf der eigenen Familie. Außerdem hatte er sich selbst immer gesagt, dass er seinen Job beim FC Anker nur so lange machen wolle, wie seine Eltern dort aktiv sind. Nun haben Bernhard und Veronika aufgehört.

Für die Knothes endet damit eine außergewöhnliche Vereinsära. Aber der FC Anker verschwindet nicht aus ihrem Leben.

Bernhard und Veronika wollen den Verein künftig als Zuschauer verfolgen. Andreas bleibt dem Fußball in anderen Funktionen verbunden. Christin hält weiterhin Kontakt zu vielen ehemaligen Spielern. Und auch die nächste Generation steht bereits auf dem Platz: Ihre beiden Kinder sind als Schiedsrichter im Verein aktiv.

Vielleicht ist das deshalb kein Abschied vom Fußball – sondern nur ein Abschied von einer bestimmten Rolle. Denn 42 Jahre hinterlassen Spuren.

In Fotos, Trikots und Erinnerungsstücken. In Freundschaften, die geblieben sind. In Geschichten, die man sich noch Jahre später erzählt.

Und vor allem in einem Satz, der die Geschichte der Familie Knothe vielleicht besser beschreibt als jeder andere:

„Nur einer alleine, das geht nicht.“

Bei den Knothes war es eben nie nur einer. Es waren Bernhard, Veronika, Andreas, Christin und viele weitere Familienmitglieder, die gemeinsam dafür sorgten, dass der FC Anker über Jahrzehnte nicht nur einen festen Platz in ihrem Kalender hatte, sondern in ihrem Leben.

Aus einem Ehrenamt wurde ein Familienprojekt. Aus einem Verein wurde eine zweite Familie.

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