
Hamburg – Es war nur ein Training. Und doch war es für den Hamburger SV ein Tag, wie es ihn im Volksparkstadion zuvor noch nicht gegeben hatte. Erstmals in der Geschichte des Stadions absolvierte der HSV dort eine öffentliche Trainingseinheit. Der Anlass war ein besonderer: Mario Vuskovic durfte am Dienstag nach fast vier Jahren Dopingsperre wieder mit seinen Mannschaftskollegen trainieren. Mehr als 3.000 Fans kamen auf die Nordtribüne, rund 50 Medienvertreter waren vor Ort. Als der Innenverteidiger um 15.21 Uhr seinen ersten Ball spielte, wurde gejubelt, als hätte der Bundesligist gerade ein Tor erzielt.
Dabei ist Vuskovic noch nicht am Ende seines langen Weges angekommen. Zwei Monate vor Ablauf seiner vierjährigen Sperre darf der inzwischen 24-Jährige wieder am Mannschaftstraining teilnehmen. Spielberechtigt ist er erst ab dem 15. November.
Ein langer Tag beginnt um 8.30 Uhr
Seine Rückkehr begann nicht vor Tausenden Zuschauern, sondern am Dienstagmorgen im Athleticum am Volkspark. Um 8.30 Uhr standen medizinische Untersuchungen und anschließend Leistungstests auf dem Programm. Danach ging es zurück an einen Ort, den Vuskovic lange nicht mehr als Spieler betreten hatte: die HSV-Kabine.
Cheftrainer Merlin Polzin kam ihm auf dem Weg entgegen, beide umarmten sich. „Finally“, sagte Polzin. Im Spind mit Vuskovics Rückennummer 44 lagen Trainingskleidung und eine „Welcome home!“-Broschüre. Seine Sitznachbarn sind zwei alte Weggefährten: Miro Muheim und Bakery Jatta.
Neben ihnen gehört Daniel Heuer Fernandes zu den drei Spielern im aktuellen Kader, die bereits vor Beginn der Sperre gemeinsam mit Vuskovic bei den Rothosen spielten.
Vor dem Training wurde es emotional. In der Videoanalyse begrüßte Vorstand Kathleen Krüger den Rückkehrer, Polzin blickte auf die vergangenen vier Jahre zurück. Anschließend sprach Vuskovic selbst zu seiner Mannschaft.
15.17 Uhr: Vuskovic betritt wieder den Rasen
Dann kam der Moment, auf den er jahrelang gewartet hatte. Um 15.17 Uhr liefen die HSV-Spieler ins Volksparkstadion. Vuskovic betrat gemeinsam mit Kapitän Nicolas Remberg und dessen Stellvertreter Nicolas Capaldo den Rasen.
Auf der Nordtribüne warteten mehr als 3.000 Menschen. Viele trugen das Trikot mit der Nummer 44. Die Fans skandierten seinen Namen und zeigten ein Banner mit der kroatischen Botschaft: „Der Weg war lang, aber das Ziel rückt näher. Willkommen zurück, Mario.“
Vier Minuten später spielte Vuskovic bei der Erwärmung einen einfachen Pass. Es war sein erster Ballkontakt im Mannschaftstraining nach der langen Sperre – und die Zuschauer reagierten, als wäre gerade ein Treffer gefallen.
Muheim: „Mario hat auf diesen Moment am längsten gewartet“
Einer, der diesen Tag aus nächster Nähe miterlebte, war Muheim. Beide kamen zur Saison 2021/2022 zum HSV und standen in 39 Pflichtspielen gemeinsam auf dem Platz. Auch während der Sperre blieb der Kontakt bestehen.
„Mario hat auf diesen Moment am längsten gewartet. Er war sehr emotional und man hat gemerkt, dass er sich unfassbar freut, wieder hier zu sein. Mario ist so charakterstark, hat einen unglaublichen Willen. Diesen Charaktertyp können wir sehr gebrauchen“, sagte Muheim.
Auch die Kulisse beeindruckte ihn: „Das war sehr besonders. Es war schön zu sehen, wie die Fans und der ganze Verein nicht nur heute, sondern im Verlauf der ganzen vier Jahre hinter ihm standen und stehen. Das hat ihm auch über die ganze Zeit extrem viel Kraft gegeben und hat einen großen Anteil daran, dass er jetzt wieder hier ist. Das ist das Besondere am HSV: Schwierige Zeiten gibt es immer, aber die Leute stehen zusammen und lassen sich nicht unterkriegen.“
Weggefährten kommen zurück in den Volkspark
Nicht nur die Fans wollten bei Vuskovics Rückkehr dabei sein. Seine Eltern Daniel und Sanja verfolgten das Training aus einer Loge. Dort waren mit Tim Walter, Filip Tapalovic, Sebastian Schonlau und Jonas Meffert auch frühere Trainer und Mannschaftskollegen zu Gast.
Walter sagte über seinen ehemaligen Spieler: „Ich hatte den Eindruck von Mario, dass er trotz der schweren Zeit immer fokussiert war. Es ist schön, diesen Moment heute zu erleben. Er ist einfach froh, das Grün unter seinen Füßen zu haben. Ich freue mich für ihn, glaube fest an ihn und drücke ihm alle Daumen.“
Schonlau und Meffert hatten Vuskovic während seiner Sperre begleitet. Meffert beschrieb den Augenblick, als sein Freund wieder den Platz betrat: „Man hat einfach Gänsehaut bekommen. Das war ein richtig schöner Moment. Ich habe auf Mario geschaut und weiß, dass es ihm eher unangenehm ist, so im Rampenlicht zu stehen. Zugleich weiß ich, dass er jedem einzelnen Fan, der heute hier ist, ihn in den vergangenen vier Jahren unterstützt hat oder ihn in Zukunft noch anfeuern wird, total dankbar ist. Ihm bedeutet das viel, das weiß ich.“
Schonlau ergänzte: „Es war schon sehr emotional. Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es sich für den Jungen angefühlt haben muss. Auch für uns, die ihn jetzt über vier Jahre begleitet haben, ist es schön zu sehen, dass er es bis zu diesem Zeitpunkt geschafft hat und wiedergekommen ist.“
Erst der lange Ball – dann trifft die Nummer 44 selbst
Sportlich wurde Vuskovic sofort gefordert. Er stand erstmals wieder in einer Formation mit elf Spielern und bildete eine Abwehrkette mit Shafiq Nandja und Capaldo. Hinter ihm stand Heuer Fernandes.
Im Trainingsspiel leitete Vuskovic (64.) zunächst einen Treffer ein. Sein langer Ball erreichte Muheim, dessen Kopfballablage über Jordan Torunarigha bei Louis Lemke landete.
Kurz danach wurde es noch einmal richtig laut im Volkspark. Vuskovic (66.) zog aus rund 15 Metern ab und traf ins linke Eck. Muheim schlug die Hände über dem Kopf zusammen, die Zuschauer feierten.
Nach rund einer Stunde endete das Training. Vuskovic ging noch einmal vor die Nordtribüne, bedankte sich bei den Fans und klopfte sich mehrfach auf die Brust. Sein Name hallte durch das Stadion.
Huwer: „Das war ein Gänsehaut-Moment“
Auch HSV-Vorstand Eric Huwer beschrieb die Rückkehr emotional: „Ich habe mich immer gefragt, wohin mit meinen Emotionen, wenn Mario irgendwann wieder auf dem Platz steht. Wir hatten heute ein Comeback-Light und man hat direkt gemerkt, was er und seine Aura mit der ganzen HSV-Familie machen. Das war ein Gänsehaut-Moment, durch den wir noch einmal näher und enger zusammenrücken werden. Und es geht noch mehr, wenn Mario mal wieder ein Trikot überziehen wird.“
Genau dieser Moment muss allerdings noch warten. Der Dienstag war die Rückkehr ins Mannschaftstraining, nicht die Rückkehr in den Spielbetrieb. Bis zum 15. November ist Vuskovic noch gesperrt.
Nach dem Training traf er seine Familie und Weggefährten in der Loge. Dort wurde ihm ein Video mit Botschaften weiterer ehemaliger Mitspieler und Verantwortlicher gezeigt. Später spielte Vuskovic noch Teqball mit Remberg.
Um 17.05 Uhr endete sein erster Arbeitstag zurück bei der Mannschaft.
Fast vier Jahre hatte Mario Vuskovic auf diesen Tag gewartet. Der erste Schritt ist geschafft. Der nächste große Moment soll nach Ablauf seiner Sperre folgen: wieder im HSV-Trikot auf dem Platz zu stehen.
Sperre bleibt noch bestehen
Bis zu seinem realen Comeback in der Bundesliga wird es allerdings noch etwas dauern. Bis zum 15. November darf der 24-Jährige kein Spiel bestreiten, auch keine Testbegegnung. Ebenso darf der Verein ihn noch nicht bei PR-Terminen einsetzen. In der aktuellen Situation des Tabellenletzten sicherlich eine weitere Herausforderung. Und trotzdem hat der Hamburger SV wenigstens einen Tag derzeit die sportliche Misere vergessen können. Nur eines hatte am Dienstagnachmittag gefehlt: die Familienzusammenführung auf dem Platz mit seinem jüngeren Bruder Luka.
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