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Nach 196 Tagen: Pappelkurve öffnet wieder – doch wie nachhaltig ist der Kompromiss?

Viele Fragen bleiben unbeantwortet

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Lübeck – Der VfB Lübeck meldet Vollzug: Zum Heimspiel am kommenden Freitag (19.30 Uhr) gegen den SV Todesfelde soll die Pappelkurve nach monatelanger Sperrung wiedereröffnet werden. Ein wichtiger Schritt zur Deeskalation, der zeigt, dass die Vereinsführung nach monatelanger Duldung endlich Handlungsbereitschaft beweist. Doch der präsentierte Weg wirft trotz professioneller Vermittlung mindestens so viele Fragen auf, wie er Antworten liefert.

Es hat exakt 193 Tage gedauert, bis die grün-weiße Vereinsführung ein Machtwort sprach. Doch es wirkt inhaltsleer – wie ein zahnloser Tiger, der nun die erstbeste Lösung präsentiert. Würde man es als Zwischenetappe bezeichnen, wäre es vielleicht cleverer gewesen.

Seit den gewalttätigen Vorfällen vom 13. März stand das Herzstück der Lohmühle weitgehend still, die Stimmung auf den Rängen war spürbar angespannt, der Verein in einer Zerreißprobe gefangen. Während die Uhren im Abstiegskampf und im Vereinsalltag unerbittlich weitertickten, brauchte es mehr als ein halbes Jahr, bis die Gremien des VfB Lübeck nun ein Konzept zur Rückkehr in die Pappelkurve vorlegten.

Dass der Vorstand wenige Tage vor dem emotional aufgeladenen Duell gegen den SV Todesfelde (25. September/19.30 Uhr) Fakten schafft, ist aus strategischer Sicht nachvollziehbar. Der Druck war gewaltig, das Ausweichmodell auf Dauer keine Lösung. Lobenswert ist auch, dass der Verein die Festgefahrenheiten erkannte und einen externen Mediator hinzuzog, um den Prozess professionell zu begleiten. Doch wer nach monatelangen Gesprächen eine lückenlose Aufarbeitung oder eine echte Versöhnung der verfeindeten Lager erwartet hatte, wird enttäuscht: Der Mediator konnte am Ende offensichtlich auch nur Schadensbegrenzung moderieren.

Fehlverhalten anerkannt – aber wer prüft die Konsequenzen?

Die Kernerkenntnis der offiziellen Mitteilung: Das Ultra Kollektiv Lübeck (UKL) kehrt in die Pappelkurve zurück – und feierte dies bereits beim Heimspiel gegen den Bremer SV intern. Laut Vereinsangaben hat die Gruppe eigenes Fehlverhalten anerkannt und Konsequenzen gezogen. Personen, die für die Angriffe im März verantwortlich waren, sollen künftig von der Pappelkurve ausgeschlossen werden.

Das wirft unweigerlich die erste drängende Frage auf: Wie genau sieht diese Selektion in der Praxis aus? Liegt eine Namensliste der Ausgeschlossenen beim Ordnungsdienst? Oder verlässt sich der Verein – und der Vermittler – hier rein auf eine Selbstregulations-Zusage der Ultras? Ein fader Beigeschmack bleibt: Wer im März die Aggression ausübte, erhält nun nach ein paar Zugeständnissen sein Terrain zurück.

Was wird den Halunken eigentlich vorgeworfen?

Noch deutlicher wird das Ungleichgewicht beim Blick auf die zweite betroffene Fangruppe, die „Halunken“. Sie verbleiben vorerst in Block B. Das wurde ihnen am Montagabend mitgeteilt. Der Verein spricht in seiner Pressemitteilung davon, dass auch dort erst eine „tragfähige interne Aufarbeitung“ erfolgen müsse. Doch was genau bedeutet das?

Die Halunken waren am 13. März die Angegriffenen. Eine Koalition aus den Hamburg Castaways und UKL überfiel die Gruppierung, es eskalierte letzlich im eigenen Fandorf hinter der Pappelkurve. Dort kamen auch Unbeteiligte zu Schaden. Die Polizei ermittelt seitdem und fahndet nach den Tätern. Was gibt es somit auf Opferseite intern aufzuarbeiten? Welche konkreten Bedingungen und Auflagen haben Vorstand und Mediator der Gruppe auferlegt, die bislang nicht erfüllt wurden? Solange der Verein hier keine Transparenz schafft, entsteht in Teilen der Fanszene zwangsläufig der Eindruck einer Täter-Opfer-Umkehr.

Ein erster Schritt – mehr nicht

Dass der VfB Lübeck mit Fankodex und angepasster Stadionordnung nun Kante zeigen und klare Regeln etablieren will, ist ein Weg. „Gewalt, Extremismus und Einschüchterung haben beim VfB keinen Platz – unabhängig davon, von wem sie ausgehen.“ Ein Statement des Vereins, doch was genau ist gemeint? Welche Gewalt? Welcher Extremismus? Welche Einschüchterung? Und was weiß der Verein, was die Öffentlichkeit nicht weiß?

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Jeder Student, der sich mit Sprache beschäftigt, würde diesen Abschnitt mühelos zerpflücken: Es handelt sich um eine klassische Standard-Floskel. Vereine nutzen solche Phrasen gerne, um nach eigener Handlungsunfähigkeit Entschlossenheit zu simulieren – am Ende dient das vor allem dem Eigenschutz der Vereinsführung.

Ein echter Befreiungsschlag sieht nach fast 200 Tagen und externer Vermittlung jedenfalls anders aus. Das jetzt gefundene Diktat ist kein Sieg für den Verein und erst recht kein Garant für dauerhaften Frieden auf den Rängen. Am Freitag gegen Todesfelde steht die Lohmühle vor ihrer ersten echten Bewährungsprobe. Ob die Wogen wirklich geglättet sind oder ob der Konflikt nur vertagt wurde, wird sich erst noch zeigen müssen.

Nachschlag

Überhaupt nicht erwähnt wird in der Pressemitteilung des VfB das Thema Auswärts-Support. Wie geht es da weiter, können VfB-Fans auswärts wieder ihren Verein aus dem normalen Gästeblock supporten? Oder nimmt der Verein durch die getroffene Entscheidung anscheinend in Kauf, dass die Mannschaft auf fremden Terrain weiterhin auf sich alleine gestellt ist? Lösungen scheinen nicht in Sicht…

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Bildquellen

  • Pappelkurve: Lobeca/Vivian Pfaff
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