
Lübeck – Die Mammut-Versammlung des VfB Lübeck ist vorbei. Was am Dienstagabend um 19 Uhr begann, endete am Mittwochmorgen um 0.50 Uhr. Eines sollte klar sein: Die Grün-Weißen dürften zukünftig Jahreshauptversammlungen nur noch am Wochenende abhalten und nicht mehr unter der Woche. Trotzdem kamen 364 Mitglieder in den Millenniumpalast im Gewerbegebiet Roggenhorst, und sie bekamen eine Menge geboten. Vorweg: Es blieb friedlich, wenn auch heiß und laut diskutiert wurde. Immerhin gab es eine Menge Klärungsbedarf – von Fankonflikten bis zu Zahlen. Das einzig Positive an diesem Abend war die Wahl von Maximilian Ahlschwede kurz vor Mitternacht. Der Ex-Profi sitzt ab sofort im Aufsichtsrat und nimmt den Platz von Carsten Abbe ein, der im Sommer zurücktrat. Ratlose Gesichter gab es ebenfalls – und nicht zu knapp. Insbesondere auf dem Podium, denn das Kontrollgremium des Regionalligisten wurde von den Mitgliedern nicht entlastet. Doch der Reihe nach.
Pünktlicher Auftakt und Berichte des Vorstandes
Fast pünktlich um 19.17 Uhr eröffnete Aufsichtsrats-Vize Thomas Manthey die ordentliche Mitgliederversammlung. Er stellte fest, dass 342 wahlberechtigte Mitglieder im Saal waren. Die Jahreshauptversammlung als höchste Instanz des Vereins beschloss bis auf wenige Gegenstimmen und Enthaltungen, dass die Presse und Gäste dabei sein durften.
Nach dem Gedenken der Verstorbenen wurden die Protokolle der Mitgliederversammlung 2025 sowie die der Außerordentlichen Mitte Juni genehmigt. Unter den Geehrten war unter anderem Holger Behnert, ehe es direkt mit den Berichten des Vorstandes weiterging.
Das erste Highlight kam rasch auf den Tisch. Finanzboss Sebastian Rath erklärte anschaulich, wie ein Geschäftsmann seine Geschäfte führt, und schlug den Bogen zu den Zahlen des VfB Lübeck. Er sagte: „Es ist ein Wunder, dass wir heute hier sitzen.“ Dabei zeigte er auf, dass dem Club 509.000 Euro (HL-SPORTS berichtete) fehlen und es im Sommer nur nicht zu einem Insolvenzantrag kam, weil drei Aufsichtsratsmitglieder die Schatullen ihrer Unternehmen öffneten. Per 30. Juni waren die Gehälter nicht gesichert; dabei soll es sich bisher um einen einmaligen Vorfall gehandelt haben. Es musste, wie schon früher, Geld aus der aktuellen Saison vorgezogen werden – ein Missstand, den Rath noch selbst in der Finanzkommission ermittelte und der weiterhin Bestand hat. Die Darbietung sorgte trotzdem für Nachfragen, da der e.V. sowie die VfB Lübeck Fußball Spielbetriebs GmbH zusammen dargestellt wurden. Zwei Unternehmen also in einer Rechnung. Aufsichtsrat und Steuerberater Dennis Tensfeldt bestätigte das Vorgehen, um für ein klareres Bild zu sorgen. Trotzdem war vielen Mitgliedern die Darstellung nicht transparent genug. Rath sagte klar: „Ein Weiter so kann es nicht geben.“ Noch vor der laufenden Saison bewahrte er den Verein vor einer Zahlungsunfähigkeit. Wie man aus der Misere kommen will, wurde ebenfalls skizziert: Sparkurs.
Von den weiteren Vorständen berichtete Tobias Redlich vom Breitensport, die Sportvorstände Hanno Behrens sowie Romain Bregerie über die aktuelle Saison. Sie kamen erst im Mai und haben mit der abgelaufenen Spielzeit nichts zu tun. Cheftrainer Kevin Rodewald machte dabei noch die beste Figur des Abends. Ihm sah man an, dass er mit dem VfB etwas erreichen will – und das unter schwersten Bedingungen. Er stellte sich den Mitgliedern vor und warb für seine Mannschaft. Die Erfolge der vergangenen Spiele untermauern dies: Die Grün-Weißen sind seit acht Partien ungeschlagen.
Der Fankonflikt und die Rolle des Aufsichtsrats
Nach drei Stunden war der Aufsichtsrat an der Reihe. Detlef Meyer-Stender trat an das Mikrofon und gab selbstverständlich ein Statement zum 13. März 2026 ab. Er nannte die Aktion eine „Riesen-Dummheit“ und blickte dabei in Richtung der UKL-Mitglieder, die wie auch der Fanclub „Halunken“ im Saal vertreten waren. Das „Ultra Kollektiv Lübeck“ bekannte sich erst kurz vor der Mitgliederversammlung zu dem Angriff auf das eigene Fandorf, rechtfertigte diesen allerdings mit harten Anschuldigungen gegen den „Gegner“. Meyer-Stender sagte zudem: „Die Einsicht des UKL kam viel zu spät. Nicht alle Halunken sind Nazis und Rechtsextremisten, aber sie haben Personen in ihrem Umfeld, die diesem Spektrum zuzuordnen sind. Der Verein hat die Regelung des Konfliktes in die Kurve zurückgeschoben. Wir haben als Verein versagt.“ Auch der externe Mediator Sebastian Wagner aus Ingolstadt schaffte es nicht, den Streit zu schlichten. Deswegen übergibt der Aufsichtsrat den Fall nun wieder in die Hände des Ehrenrates. Dieser wurde überraschend im Juni davon abgezogen – ein Fehler, wie sich herausstellte.
Meyer-Stender verteidigte zudem die Trennung von den beiden Vorständen Dr. Dieter Gudel und Sebastian Harms. Offiziell hieß es: „Sie haben es nicht hinbekommen, obwohl sie gute Arbeit geleistet haben. Wir konnten uns diese beiden nicht mehr leisten.“ Später kam die Frage aus der Mitgliedschaft, ob man mit beiden wegen eines Gehaltsverzichts gesprochen habe. Das soll laut Aufsichtsrat so gewesen sein. Informationen von HL-SPORTS zufolge gab es hierzu jedoch keine Gespräche. Dagegen soll bereits eine Trennung von den beiden im vergangenen Winter beschlossene Sache gewesen sein. Danach begann eine Hängepartie.
Nach einer 15-minütigen Pause ging es mit Wolfgang Piest weiter. Der Ehrenratsvorsitzende zeigte sich schwer enttäuscht vom UKL. Als „No-Go“ nannte er den Angriff, und auch die verweigerte Teilnahme an Schlichtungsgesprächen prangerte er an. Er erklärte die Satzung und sprach davon, dass der Verein schon ausreichend Regeln habe.
Hitzige Aussprache
Danach wurde es vor allem laut, denn der Tagesordnungspunkt Aussprache sorgte für viele hitzige Diskussionen. Hier zeigte sich vor allem die ausgegrenzte Gruppe um die Halunken und griff Vorstand sowie Aufsichtsrat hart an. Es wurde vor allem unangenehm, als der Vorstand auf Fragen nicht antwortete und immer wieder fragend zum Aufsichtsrat blickte. Der hatte allerdings ebenfalls keine passenden Antworten parat. Aufsichtsrat Jens Burchardt ergriff das Wort, zielte auch auf das UKL und bot sich an, bei einem neu vereinbarten Runden Tisch dabei zu sein. Er zeigte Verständnis für die Angegriffenen und versprach, sich für eine faire Lösung in Zukunft einzusetzen. Dann wurde vor allem Finanzvorstand Rath vorgeführt. Er war sprachlos, auch weil Fragen ins Private gingen. Auch die Erklärung auf die Frage, warum das UKL zurück in die Pappelkurve durfte und die Halunken nicht, blieb unbeantwortet. Ein Trauerspiel auf dem Podium. Ob der Aufsichtsrat Einfluss auf die Entscheidung nahm, wurde vorher verneint – obwohl es eine gemeinsame Abstimmung beider Gremien gab.
Ein Mitglied sprach davon, dass Aufsichtsrat und Vorstand den Unterschied zwischen rechts, rechtsradikal, rechtsextrem und Nazis nicht kennen würden und eher pauschalisieren. Er selbst würde sich als rechts-konservativ bezeichnen, kenne aber keine Links- oder Rechtsextremen beim VfB.
Es wurde wild, denn die Anschuldigungen zwischen beiden Gruppen nahmen ihren Lauf. Ein Halunken-Sprecher gab klar zu verstehen, dass sein Fanclub auch jetzt noch bereit für Gespräche sei.
Viele andere Mitglieder meldeten sich zu Wort, auch solche, die keiner der Gruppen angehören. Sie flehten die verfeindeten Ecken an, sich zusammenzuraufen und endlich aufeinander zuzugehen. Von UKL-Seite kam bis auf die Behauptung, selbst bedroht worden zu sein, recht wenig. Piest übernahm das Ruder auf dem Podium und gab zu verstehen, dass er von UKL-Seite nicht noch einmal hören möchte, dass „sie der Verein sind“. GmbH-Geschäftsführer Behrens beendete jegliche Vorwürfe und meinte, dass man sich nicht zerfleischen dürfe: „Dann ist es vorbei!“ Manthey nahm den Ball auf und ging zum nächsten Tagesordnungspunkt über.
Aufgrund der fortgeschrittenen Stunde (23.31 Uhr) wurde durch die Mitglieder entschieden, dass die Berichte der Abteilungen nicht mehr vorgetragen werden. Bitter für diejenigen, die sonst keine große Aufmerksamkeit neben dem Fußball bekommen. Aufsichtsrat Eckard Evers protestierte, setzte sich allerdings nicht durch.
Entlastungen, Wahlen und Anträge
Bei den Entlastungen gab es eine dicke Überraschung: Die Mitgliederversammlung verweigerte diese dem Aufsichtsrat! 134 Stimmen gab es dafür, 146 dagegen. Die Gesichter bei den Herrschaften waren lang. Dafür schaffte es der Vorstand: 155 dafür, 100 dagegen, 8 Enthaltungen.
Bei den Wahlen ging es schnell, schließlich war es bereits kurz vor Mitternacht und einige Mitglieder verließen die Veranstaltung bereits. Ahlschwede wurde mit 222 Stimmen zum neuen Aufsichtsrat gewählt. Mario Groß (226) wurde Ersatzaufsichtsrat.
Man war noch nicht durch, denn fünf Anträge mussten noch behandelt werden: Fan-Kodex, Aufarbeitung des Fankonfliktes, vorgezogene Gelder und Compliance wurden angenommen. Der Antrag auf Abberufung von Marcel Burdenski aus dem Aufsichtsrat dagegen wurde nicht zugelassen. Der Antragsteller beharrte darauf, trotzdem abzustimmen, was Manthey sowie der Vorstand maximal als Meinungsbild der Mitglieder aufnahmen. Das Ergebnis drückte trotzdem ein Misstrauen gegen Burdenski aus, auch wenn 111 Stimmberechtigte für seinen Verbleib gestimmt hatten (96 dagegen, 28 Enthaltungen).
Fazit und Schlusswort von Piest
Und dann? Dann beendete Manthey als Versammlungsleiter die Veranstaltung nach exakt 333 Minuten (5 Stunden und 33 Minuten) um 0.50 Uhr. Der VfB Lübeck hat das Kapitel erst einmal überstanden. Die Polizei schützte die Veranstaltung mit einigen Kräften außerhalb des Millenniumpalastes, verlebte allerdings einen ruhigen Abend. Gut so. Ein Anfang. Klar wurde auch: Das UKL hat massiv an Zustimmung verspielt. Da half auch die lange Stellungnahme nichts, die wie die letzte Patrone wirkte. Viel hatte man an diesem Abend nicht beizutragen. Es war aber auch klar, dass der Saal gespalten war – alles wegen des Überfalls auf das eigene Wohnzimmer.
Wie der Verein nun mit der Erklärung der Ultras umgeht, in der sie zugaben, den Angriff geplant und durchgeführt zu haben und sich somit als Straftäter outeten, ist noch nicht klar. Fakt ist, dass es so nur eine Korrektur der Ausgrenzung der anderen Fanclubs geben kann. Piest kündigte schnelle Fortschritte an – vielleicht sogar schon in den kommenden vier Wochen.
Die abschließenden Worte gehörten dem Hoffnungsträger Piest. Er fasste den Abend gegenüber HL-SPORTS wie folgt zusammen: „Wir haben 2.000 Mitglieder und der Verein ist nicht gespalten. Hier sind zwei Gruppen, die an verschiedenen Polen sind, und da haben wir es noch nicht geschafft, das wieder zu kitten und zusammenzubringen.“ Welche Auswirkungen die Nichtentlastung des Aufsichtsrates habe, beantwortete er so: „Es bedeutet nichts. Es ist da kein Nachweis, dass er gegen die Satzung gearbeitet hat. Das ist ein Stimmungsbild gewesen und da hat eine Gruppe dominiert, aus meiner Sicht, die es abgesehen hatte auf zwei Menschen im Aufsichtsrat und nicht den gesamten Aufsichtsrat gemeint hat, obwohl ich meine, nach meinen Beobachtungen, dass der Aufsichtsrat geschlossen agiert hat. Großartig, was sie aushalten müssen und großartig das Engagement.“ Und zum Blick nach vorne: „Ja, was sagte mein Freund, den viele kennen? Der sagte mal: ‚Wenn man das Gefühl hat, das geht bergab, dann muss man den Schwung nutzen für den Aufstieg wieder, ne?‘ Naja, ich bin zuversichtlich und es geht weiter.“
Welche Form der Berichterstattung ist dir am liebsten?
- Spielbericht (69%, 35 Votes)
- Kommentar (10%, 5 Votes)
- Ist mir egal (10%, 5 Votes)
- Interview (8%, 4 Votes)
- Ich weiß es nicht (4%, 2 Votes)
- Social-Media-Beiträge (0%, 0 Votes)
Total Voters: 51







