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Bereits um 21 Uhr geht es weiter. Während sich Kanada und Bosnien und Herzegowina am vergangenen Freitagabend 1:1 trennten, dürfen sich die beide Gruppengegner am heutigen Sonnabendabend duellieren. Um 21 Uhr trifft Qatar auf die Schweiz. In der folge läuft um 0 Uhr das bisher namhafteste Spiel der WM an, nämlich Brasilien gegen Marokko und um 3 Uhr geht es mit Haiti gegen Schottland weiter. Abschließend gibt es für alle Frühaufsteher um 6 Uhr den Leckerbissen Australien gegen die Türkei. Auch wenn die Begegnungen im Vordergrund stehen, schleichen sich immer mehr die Unparteiischen in ungewollt große Rollen.
Schiri, was machst du da?
Drei Platzverweise im Eröffnungsspiel, neue Technik am Schiedsrichter und die nächste VAR-Diskussion ließ nicht lange auf sich warten. Für viele Fußballfans stand nach dem WM-Auftakt schnell die Frage im Raum, ob die Entscheidungen des Unparteiischen richtig waren. Mentalcoach Lennart Kempke beschäftigt jedoch eine andere Frage.
Eine Pfiff, eine Entscheidung, oder?
Lennart, während viele über rote Karten und den VAR diskutieren, bist du an etwas ganz anderem hängen geblieben. Woran?
Am Schiedsrichter selbst. Wenn man sich anschaut, wie ein Schiedsrichter heute bei einer Weltmeisterschaft unterwegs ist, wirkt das fast wie eine Mischung aus Unparteiischem und Hightech-Projekt. Headset, Mikrofon, Sensoren, permanente Kommunikation. Dazu Assistenten, vierter Offizieller, VAR und die Gewissheit, dass jede Entscheidung innerhalb weniger Sekunden überprüft werden kann. Und dann habe ich mich gefragt: Würde ich heute eigentlich lieber Schiedsrichter sein als vor zwanzig Jahren?
Was wäre deine Antwort?
Ich bin mir ehrlich gesagt nicht sicher. Der Fußballfan in mir vermisst manchmal die Zeit, in der eine Entscheidung einfach eine Entscheidung war. Als Fehler zum Spiel gehörten. Als man sich sonntags auf dem Sportplatz noch gemeinsam über einen Pfiff aufregen konnte und montags trotzdem wieder trainieren ging. Gleichzeitig sehe ich natürlich auch die Vorteile der technischen Entwicklung. Mehr Informationen. Mehr Unterstützung. Mehr Möglichkeiten, offensichtliche Fehlentscheidungen zu korrigieren. Also irgendwie mehr Gerechtigkeit. Vielleicht ist genau diese Ambivalenz der Grund, warum mich die Frage nicht loslässt und ich es aus der Sicht des Mentalcoaches noch deutlich kritischer sehe.
Warum?
Weil mich weniger interessiert, ob Entscheidungen heute richtiger werden. Mich interessiert die Frage, was diese Entwicklung mit dem Menschen macht, der die Entscheidungen treffen muss. Vielleicht macht der VAR Entscheidungen besser. Aber macht er Entscheider auch stärker? Je häufiger ich diese Frage mit Schiedsrichtern, Trainern, Spielern oder auch privat mit Kumpels diskutiere, desto spannender finde ich sie.
System Schiedsrichter
Was hat sich aus deiner Sicht verändert?
Früher traf ein Schiedsrichter eine Entscheidung. Sie konnte richtig oder falsch sein. Sie konnte diskutiert werden. Aber zunächst einmal war sie seine Entscheidung. Heute ist er Teil eines Systems geworden. Ein System, das ihn unterstützt, absichert und gleichzeitig permanent beobachtet. Das klingt zunächst nach einem Vorteil. Und wahrscheinlich ist es das auch. Zumindest technisch und rational. Mental bin ich mir da nicht so sicher.
Was meinst du mit „mental“?
Verantwortung verändert sich, wenn man weiß, dass ständig jemand mithört, kontrolliert und im Zweifel korrigierend eingreifen kann. Vielleicht kennt jeder dieses Gefühl aus seinem eigenen Leben. Wer hat bei einer Klassenarbeit besser performt, wenn der Lehrer plötzlich direkt hinter einem stand und über die Schulter geschaut hat? Mehr Informationen schaffen Sicherheit. Mehr Informationen können aber auch Zweifel oder Unsicherheit schaffen.
Der andere Blickwinkel
Deshalb hast du beim Eröffnungsspiel weniger auf die roten Karten geschaut?
Genau. Mich hat weniger interessiert, ob jede Entscheidung richtig war. Mich hat der Mensch interessiert, der diese Entscheidungen treffen musste. Zumal in so einer krassen Situation: WM-Eröffnungsspiel, Millionen Zuschauer, maximale Aufmerksamkeit. „Jetzt bloß keinen Fehler machen.“ Trotzdem muss Wilton Pereira Sampaio da raus und bereit sein, Entscheidungen zu treffen. Nicht perfekte Entscheidungen. Sondern Entscheidungen.
Ist das die eigentliche mentale Herausforderung moderner Schiedsrichter?
Vielleicht eine der größten auf dem Niveau ab VAR-Beteiligung. Wir reden im Fußball oft über Technik, Taktik oder Regelkenntnis. Dabei wird manchmal vergessen, dass am Ende immer Menschen auf dem Platz stehen. Menschen, die Verantwortung übernehmen müssen. Menschen, die Fehler machen. Menschen, die unter Druck Entscheidungen treffen. Und genau dort entstehen für mich die spannendsten Geschichten.
Worauf wirst du bei dieser Weltmeisterschaft besonders achten?
Natürlich auch auf Tore, Taktiken und Tabellen. Aus Liebe zum Spiel natürlich auf die schönen Momente, in denen Spieler selbst unter dem Druck der WM Spaß haben und das schöne Spiel spielen. Aber als Mentalcoach vor allem auf die Menschen dahinter.
Auf die Reaktionen nach Fehlern. Auf Körpersprache. Auf Kommunikation. Auf die Momente, in denen Druck sichtbar wird. Und auf all die Geschichten, die man vielleicht erst auf den zweiten Blick erkennt. Dort beginnt für mich die eigentliche WM im Kopf.
Die WM in Lübeck bei HL-SPORTS & RADIO LÜBECK
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Bildquellen
- Lennart Kempke bei der Arbeit: Bastian Horn/oH
- Lennart Kempke guckt sich das Sp: Bastian Horn/oH







