Lübeck – Nicht alle mögen ihn, doch er kümmert sich darum, dass alle Spiele im Kreis Lübeck Woche für Woche einen Schiedsrichter haben. Sein Engagement ist grenzenlos und natürlich liegt auch er mal falsch, doch wie ist er wirklich – hinter den Kulissen? Boris Hoffmann (Foto) ist Schiedsrichterobmann in der Hansestadt und gleichzeitig 2. Vorsitzender des Fußballverbandes der Stadt. In dieser und in der kommenden Woche gibt es ein ausführliches Interview in zwei Teilen exklusiv bei HL-SPORTS.

HL-SPORTS: Hallo Boris, du bist Kreisschiedsrichterobmann in Lübeck. Wie lange machst du das schon und wie bist du dazu gekommen?

Boris Hoffmann: „Ich bin seit 15 Jahren Kreisschiedsrichterobmann und seit 23 Jahren im Kreisschiedsrichterausschuss tätig. Damals holte mich der heutige Ehrenvorsitzende der Lübecker Schiedsrichter Hans-Peter Krohn als Ansetzer in seinen Ausschuss. Hans-Peter ist sogar noch immer als Vereinsschiedsrichterobmann beim VfB Lübeck aktiv.“

HL-SPORTS: Was sind deine Aufgaben als Schiri-Chef für den Kreis?

Boris Hoffmann: „Die Aufgaben sind sehr vielfältig. Ich setze alle Schiedsrichter von der Herren-Kreisliga bis hinunter zur E-Jugend an, ebenso die Assistenten von der SH-Liga bis zur Kreisklasse A. Das ist bei den ganzen Verlegungen und Ausfällen und kurzfristigen Neuansetzungen relativ abenteuerlich, erst recht wenn kurzfristig auch mal Schiedsrichter für die Verbandsliga und höher abgezogen werden. Dann verliert man für betroffenes Wochenende nicht nur einen, sondern drei Schiedsrichter, da diese ja im Gespann auftreten. So entstehen für Manche am Wochenende beispielsweise diese undankbaren Doppeleinsätze. Weiterhin organisiere ich das komplette Schiedsrichterwesen in Lübeck, bekanntermaßen den Perspektivkader und den Förderkader, die Verwaltung sowie die komplette Ausbildung. Manchmal spielt man auch nur einfach den Psychologen, es geht dafür sehr viel Zeit und Herzblut drauf. Dafür benötigt man aber auch ein gutes Team. Ich kann mit Stolz behaupten, so eines in meinen Reihen nicht nur im Kreisschiedsrichterausschuss zu haben!“

HL-SPORTS: Wie viele Schiedsrichter gibt es in die Hansestadt und wie alt ist der Jüngste und wie alt der Älteste?

Boris Hoffmann: „Wir haben aktuell rund 210 aktive Schiedsrichter, dürfen aber demnächst einige mehr in unseren Reihen begrüßen, da der nächste Anwärterlehrgang mit rund 30 Personen ansteht. Wir haben so einige 13-jährige Schiris, mit Gerhard Franck vom 1. FC Phönix und seinen 79 Jahren den ältesten aktiven Schiedsrichter im namentlichen Bereich. Das verdient ungemeinen Respekt.“

HL-SPORTS: In welchen Klassen werden die Lübecker Schiris eingesetzt?

Boris Hoffmann: „Das geht los in der Frauen-Bundesliga, in der 2. Frauen-Bundesliga, in der 2. Bundesliga der Herren, A- und B-Jugend-Bundesliga, Regionalliga, Schleswig-Holstein-Liga, Verbandsliga und diverse im Kreis. Wir sind da gut vertreten, haben uns da einiges über die Jahre aufgebaut!“

HL-SPORTS: Wer pfeift als Schiri oder winkt als Assistent am höchsten und wo? Wie ist der Austausch zwischen ihnen und dir?

Boris Hoffmann: „Franzi Wildfeuer und Anna Lena Heidenreich assistieren in der Frauen-Bundesliga und sind selber in der 2. Liga aktiv, Slavo Paltchikov assistiert in der 2. Bundesliga der Herren und pfeift in der Regionalliga mit einem reinen Lübecker Gespann. Ihm assistieren Patrick Schwengers und Max Rosenthal, die zudem in der A- und B-Jugend-Bundesliga aktiv sind. Alexander Roppelt und Yannick Meyer sind ebenfalls in der Regionalliga als Assistenten unterwegs, pfeifen zudem noch in der Schleswig-Holstein-Liga. Der Kontakt besteht mehrmals die Woche, bei einigen sogar täglich, nach jedem Spiel gibt es meistens ein entsprechendes Feedback. Dieses bekomme ich von allen Schiedsrichtern, bis runter in die A-Klasse und sogar bei einigen aus dem Jugendbereich! Auch dieses ist mit einem enormen Zeitaufwand verbunden, da man hier erkennt, wo man entsprechend eingreifen kann und muss, wer Hilfe benötigt und wo es noch weitere Dinge aufzuarbeiten gilt. Ohne mein Handy geht mittlerweile nichts mehr…“

HL-SPORTS: Ihr seid einer der größten Schiedsrichterkreise in Schleswig-Holstein. Wie kommt das?

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Boris Hoffmann: „Wir kümmern uns um die Schiedsrichter und bilden sie nicht nur aus. Wer gefördert werden möchte, hat hier sehr gute Möglichkeiten sich weiterzuentwickeln. Ich habe qualifizierte Menschen in meinem Team, die ihre Erfahrungen an Jüngere weitergeben, eine ganz tolle Frauenriege, die mich allerdings manchmal einige Nerven kosten. Hinzu kommt, dass wir ein Trainingskonzept über all die Jahre aufgebaut haben, von dem jeder einzelne Schiedsrichter profitiert. Unsere Fitnesstrainer im Asklepios Medical Fitness in Bad Schwartau, die auch Bundesligahandballer trainieren, geben uns weitere Qualität. Aber wir sind eben nicht nur für unsere Jüngeren oder Leistungsklassenschiedsrichter da, sondern legen viel Wert,  gerade die Älteren mit einzubinden. Sie gehören genauso dazu, sind wichtiger Bestandteil. Daher trifft man sich monatlich mit allen Schiedsrichtern, ob Jung oder Alt, egal ob Leistungsklasse oder Betonliga, man tauscht sich aus, bildet sich auf unseren Schulungsabenden gemeinsam fort. Der Perspektiv- und der Förderkader, indem die Mädels eingegliedert sind, trainieren regelmäßig zusammen. Alle Anwärter kommen monatlich zusammen und bereiten sich auf die DFB-Prüfung vor. Erst mit bestehen nach einem Jahr "Praktikum" ist man anerkannter Schiedsrichter.“

HL-SPORTS: In anderen Kreisen sieht es nicht so rosig aus. Woran liegt das deiner Meinung?

Boris Hoffmann: „Das sehe ich nicht ganz so dramatisch. Wir haben in Lübeck nicht die Schiedsrichterei erfunden, auch in unseren Nachbarkreisen wird tolle Arbeit geleistet. Jeder macht für seine Möglichkeiten das, was er kann. Dafür benötigt man Unterstützung, externe Gelder um genau die beschriebenen Dinge ausrichten und durchführen zu können. Bei uns verzichten viele Schiedsrichter für Fördermaßnahmen, auf ihre Spesen. Diese kommen in einen Topf und werden genau für solche Dinge verwendet. Man muss also auch bereit sein, für sein Hobby auf einiges zu verzichten! Wir laden viele Schiedsrichter aus Nachbarkreisen zu einem Austausch ein. Aktuell praktizieren wir diesen Austausch mit den Kollegen aus Kiel und Segeberg, wobei wir hier sogar einen Austausch bei einigen Spielleitungen haben. Es ist für jüngere Schiedsrichter wichtig andere Luft zu schnuppern und Gegebenheiten kennenzulernen. Kommen sie irgendwann im Bereich des SHFV an, werden sie von einem hervorragenden Lehrstab weiter gefördert.“

HL-SPORTS: Es gibt viele Aktivitäten. Was sind das für welche?

Boris Hoffmann: „Wir richten die Hallenturniere für Lübeck aus, ich denke, dass wir das qualitativ ganz gut organisieren. Bleibt ein Überschuss, so geht er in die Förderung unserer Schiedsrichter. Sportlich forcieren wir mehrmals im Jahr einen Austausch mit Düsseldorf. Die U 19 Champions Trophy ist für uns auch ein Höhepunkt, genauso wie etliche andere Veranstaltungen und Fortbildungen dort. Beliebt ist unser Trainingscamp in den Sommerferien. Dort werden die Schiedsrichter aus dem Förder- und Perspektivkader für die laufende Serie vorbereitet. In diesem Jahr wird erstmals eine Sportwoche der Lübecker Schiedsrichter organisiert mit knapp 70 Düsseldorfer Kollegen im November zu Gast. Mehr möchte ich dazu aber noch nicht verraten. Unser Weihnachtslehrabend zum Jahresabschluss  verspricht wieder so einiges an überraschenden Höhepunkten. Bereits seit Juni läuft dafür die Planung auf Hochtouren. Unsere größten Projekte waren jedoch die beiden selber erstellten Dokumentationen. Spielverderber an der Basis I und II. Wer diese noch nicht kennt: Einfach mal bei YouTube eingeben und genießen.“

HL-SPORTS: Aber es gibt nicht nur positive Erlebnisse für Deine Schützlinge, denn in jüngerer Vergangenheit kam es zu einigen Attacken in Lübeck gegen Schiedsrichter. Wie siehst du diese Entwicklung?

Boris Hoffmann: „Man kann jedes Jahr die Uhr danach stellen. In dieser Saison kommt dann noch der sportliche Aspekt der Strukturreform hinzu. Jeder will sich für kommende Serie entsprechend in seiner Leistungsklasse wiederfinden. Die Spiele sind offener und enger! Fehler eines Schiedsrichters werden da noch kritischer beäugt, das soziale Netzwerk gibt einem dann den Rest. Es gibt dort nur wenige die sachlich diskutieren, meistens kommen dann diese Leute zum Vorschein, die dem Schiedsrichterwesen im Allgemeinen negativ eingestellt oder in anderen Bereichen selber gescheitert sind. Die weitere Entwicklung sehe ich teilweise dramatisch. Es muss jedem bewusst sein, dass hier Spiele beendet werden, sobald der Schiedsrichter nur ansatzweise bedroht wird. Das gleiche gilt natürlich auch bei einem körperlichen Angriff, wobei auch hier bereits der Versuch zwingend zu einem Spielabbruch führt. Das ist alles kein Kavaliersdelikt mehr – oder ist die nächste Steigerung dann ein Messer im Rücken? In den meisten Fällen kommt die Hektik von außen und überträgt sich dann auf das Spiel, bis es zu einer Eskalation kommt. Genau dazwischen muss man ansetzen, ein Patentrezept gibt es dafür allerdings nicht.“

HL-SPORTS: Wie geht ihr mit dem Thema in der Truppe um?

Boris Hoffmann: „Man wertet das ganze sachlich ohne Emotionen aus und versucht in erster Linie für die betroffenen Schiedsrichter da zu sein. Ebenso achtet man bei kommenden Ansetzungen darauf, dass entsprechende Schiedsrichter angesetzt werden. Viele denken, dass sie in ihrer Klasse einen komplett fertigen Schiedsrichter haben – Nein, so ist es nicht! Gerade jüngere Schiedsrichter werden für entsprechende Spielklasse ausgebildet und machen dementsprechend auch Fehler, auch das sollte jedem bewusst sein. Allerdings ist der Umgang mit unseren Schiedsrichtern speziell hier in Lübeck bei den meisten Vereinen vorbildlich, weil sich ein gewisses Verständnis dafür entwickelt hat. Leider ist dieses Verständnis noch nicht bei jedem angekommen.“

HL-SPORTS: Vor kurzem hat Dr. Tim Cassel in einem Interview gesagt, dass der Anteil an Spielabbrüchen und Auseinandersetzungen im Promillebereich liegen. Wie ist das in Lübeck?

Boris Hoffmann: „Solche Aussagen sind mir zu einfach! Sicherlich ist das Projekt des SHFV „SH kickt fair“ ein außergewöhnliches. Gewaltprävention ist dabei das aktuelle Zauberwort – es finden Gespräche mit den "Tätern" statt und danach soll alles gut sein! Wer ist denn aber bei den Opfern? Was wird für diese getan? Wer hilft dann aus diesem Projekt? Wer hilft aus überkreislichen Ausschüssen? Ganz aktuell ist sogar ein Schiedsrichter des Verbandes betroffen! Der Schiedsrichter ist auf sich alleine gestellt und kann froh sein wenn er einen entsprechenden Ausschuss im Kreis hat, der ihn dabei unterstützt und zur Seite steht. Hier ist oftmals die psychologische Seite gefordert. Ich kenne keinen Schiedsrichter, an dem ein Spielabbruch spurlos vorüber geht.“

HL-SPORTS: Erst einmal Danke bis hierhin und bis zur kommenden Woche. Wir sind schon gespannt…

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