Altona-Sportchef Richard Golz schreibt VfB-Fan: „Jammer nicht rum…“

Ex-Profi entschuldigt sich über HL-SPORTS

Richard Golz (Sportlicher Leiter, Altona 93). Foto: Lobeca/Roberto Seidel

Hamburg – Die Begegnung zwischen Altona 93 und VfB Lübeck am kommenden Sonntag wird weiter befeuert. Ein mutmaßlicher Lübecker Fan meldete sich per Email beim Hamburger Verein und brachte seine Enttäuschung zur Gäste-Regelung zum Ausdruck. Richard Golz, Sportlicher Leiter beim AFC und früherer Bundesliga-Profi beim Hamburger SV antwortete: „Jammer nicht rum, fragt Euch lieber warum?“

Mailverkehr sorgt für Aufregung

Der Fußballfan schrieb in seiner Mail (liegt der Redaktion vor) an Golz: „Bislang habe ich Euren Verein echt wertgeschätzt, mit Eurer „Regelung Fans“ im Spiel gegen den VfB Lübeck dreht sich meine Meinung ins Gegenteil. Schade….Respekt, Gleichheit und Toleranz werden heutzutage nicht von allen geschätzt bzw. umgesetzt.“ Wie der Funktionär des Hamburger Stadtteilclubs reagierte, dürfte für einen gewissen Nebengeschmack sorgen. Beide Fanlager verbindet nicht unbedingt eine Freundschaft. Golz goss hier wohl noch mehr Benzin ins Feuer. Nicht müde, gab der Fan eine Antwort und verwies darauf, dass er mit einem älteren Familienmitglied und einem Menschen mit Einschränkungen gerne zwei Sitzplätze geordert hätte.

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Golz entschuldigt sich über HL-SPORTS

HL-SPORTS fragte bei Golz nach und der gestand ein: „Ich habe hier möglicherweise etwas über reagiert und das tut mir leid. Wir sind alle in einer schweren Situation. Das Jammern war von mir darauf bezogen, dass man Altona 93 nicht mit dem großen Fußball vergleicht. Uns ist es auf gar keinen Fall egal, was mit den Fans ist. Ich habe ein gutes Verhältnis zum VfB Lübeck und das bleibt auch so.“ Damit zeigte der Ex-Profi Größe, ist sicherlich nicht zu beneiden, denn sportlich läuft es bei den Hamburgern nicht. Der Club steht auf dem letzten Tabellenplatz in der Regionalliga.

Im Vorfeld gab es von beiden Vereinen Stellungnahmen, die ungekürzt und unzensiert wie folgt lauteten:

VfB Lübeck: Vereinsführung unterstützt Fan-Boykott des Spiels in Altona

Die Fanszene des VfB Lübeck wird am Sonntag beim Auswärtsspiel unserer Grün-Weißen bei Altona 93 nicht präsent sein. Diese Entscheidung, die die Vertreter der in der Pappelkurve vertretenen Fangruppen unter Einbeziehung des Fanbeauftragten Florian Schnoor und des Fan-Vertreters im Aufsichtsrat Daniel Eckert am Mittwochabend getroffen haben (siehe Statement der Fanszene), findet ausdrücklich die Zustimmung von Vorstand und Aufsichtsrat des Vereins, auch wenn wir die damit fehlende Unterstützung der Mannschaft selbstverständlich bedauern. Der VfB verzichtet vollständig darauf, das Kontingent in Anspruch zu nehmen.

Der Boykott liegt in nicht nachvollziehbaren Regularien des Heimvereins Altonaer FC 93 begründet, die der VfB im Laufe des gestrigen Tages auch in mehreren Gesprächen mit Vertretern des AFC und des Norddeutschen Fußball-Verbandes nicht abwenden konnte. So waren und sind neben der in Hamburg verfügten 2G-Regelung für alle Stadionbesucher, die als politisch verfügte Maßnahme von unserer Kritik ausgeschlossen bleibt, diverse Einschränkungen für Gäste-Fans vorgesehen, die nicht in Regularien zum Gesundheitsschutz begründet sind.

So hat der Heimverein auf eigenen Wunsch diese Partie zum „Spiel mit erhöhtem Risiko“ deklariert. Der Vorsitzende des NFV-Sicherheitsausschusses bestätigte, dass diese Einordnung nicht auf Initiative des Verbandes erfolgte. Die Vertreter der Lübecker Polizei haben nach Rückfrage des VfB keine Erkenntnisse vorliegen, die diese Einstufung rechtfertigen. Sie wird daher von uns als Maßnahme betrachtet, die einzig darauf abzielt, den Stadionbesuch insbesondere für Gäste-Fans zu erschweren.

Der AFC wollte – entgegen der allgemeinen Empfehlung von 10 Prozent der Tickets für Gäste – nur 100 Karten für VfB-Anhänger zur Verfügung stellen, und zwar dem Vernehmen nach auf Basis einer aus Eigeninitiative vorgenommenen Zuschauerbeschränkung auf 1.000 Personen, obwohl auch unter Corona-Bedingungen eine Kapazität von 2.033 Zuschauern behördlich abgenommen ist. Die Tickets für die Gäste sollten entgegen der üblichen Praxis auch ausschließlich online über den Heimverein abgegeben werden. Sitzplatztickets für Lübecker Zuschauer waren überhaupt nicht vorgesehen – auch weil es dazu keine konkreten Richtlinien des NFV gibt.

Wir sehen in diesen Maßnahmen keine Zielrichtung für den Gesundheitsschutz oder die Sicherheit, sondern ausschließlich den Versuch von Kostenersparnis und Vorteilserlangung durch die Abwesenheit von Gäste-Fans. Dies sind im Sinne der vom VfB vertretenen Fußball-Kultur, die nach unserer Auffassung bislang auch und gerade bei Altona 93 gepflegt wurde, nicht hinnehmbare Einschränkungen, die keinesfalls unter dem Deckmantel von Corona versteckt werden dürfen.

An dieser Stelle weisen wir einmal darauf hin, dass in den vergangenen Wochen der Heider SV und der FC St. Pauli mit Gastspielen unserer Mannschaft im Sinne aller Beteiligten und unter völlig unterschiedlichen Voraussetzungen sehr verantwortungsvoll umgegangen sind. In beiden Fällen stand ein ausreichend großes Ticketkontingent (Sitz- und Stehplätze) zur Verfügung, auch die Absprachen im Vorfeld waren stets fanorientiert und professionell.

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Auf der Lohmühle sind Gäste-Fans stets willkommen – egal aus welchem Verein und in welcher Anzahl. Wir haben durchweg Gästen die jeweils behördlich genehmigte Anzahl an Tickets für den Gäste-Fanblock und zusätzlich Sitzplätze im Block G1 zur Verfügung gestellt. Das Konzept für die 3. Liga, das aufgrund der Geisterspiele leider nicht umgesetzt werden durfte, sah Sitz- und Stehplätze für Gäste in einer Anzahl vor, die bei voller Inanspruchnahme deutlich mehr als die vom DFB geforderten 10 Prozent beinhaltet hätte. Ein Verzicht auf Stadionplätze, nur weil diese nicht den Heimfans zugänglich gemacht werden können, kam und kommt für uns nicht in Betracht. Auch dem AFC stand im Hinspiel ein ausreichend großes Kontingent an Gäste-Tickets zur Verfügung.

Wir fordern den AFC ebenso wie den NFV auf, sich mit dieser Problematik zügig auseinanderzusetzen, unter anderem wie in den Bundesligen einen Anspruch auf 10 Prozent der Tickets (inklusive Sitzplätze, sofern vorhanden) für Gäste auch in den Statuten zu verankern, insbesondere um die Attraktivität der Regionalliga Nord, die ohnehin schon an vielen Stellen wenig Zuschauerresonanz erfährt, nicht durch solch unverständliche Maßnahmen weiter leiden zu lassen.

Altona 93: Stellungnahme zur Mitteilung des VfB Lübeck angesichts des anstehenden Regionalligaspiels Altona 93 – VfB Lübeck

In seiner Unterstützungserklärung des Spielboykotts der Fanszene Lübeck vom 28. Oktober 2021 unterstellt der VfB Lübeck dem AFC „nicht nachvollziehbare Regularien“.

Unter anderem habe Altona 93 laut Erklärung des VfB „auf eigenen Wunsch diese Partie zum ‚Spiel mit erhöhtem Risiko‘ deklariert. Der Vorsitzende des NFV-Sicherheitsausschusses bestätigte, dass diese Einordnung nicht auf Initiative des Verbandes erfolgte. Die Vertreter der Lübecker Polizei haben nach Rückfrage des VfB keine Erkenntnisse vorliegen, die diese Einstufung rechtfertigen“.

Hierzu stellen wir fest, dass es keinesfalls der Wunsch des AFC ist, Partien als Spiele mit erhöhtem Risiko auszutragen. Tatsächlich hat Altona 93 – ebenso wie der VfB Lübeck –eine Information des NFV erhalten, dass die Begegnung am 31. Oktober 2021 als Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft wird.

Vielmehr hatte Altona 93 den Plan, 200 Tickets für den Gästeblock bereitzustellen und musste davon schlussendlich nach der Stadionbegehung mit der Hamburger Polizei am 26. Oktober Abstand nehmen. Freiwillig geschah dies keinesfalls, denn Altona 93 ist auf den Verkauf von Eintrittskarten angewiesen ist und wünscht sich zudem, dass auch der Gästeanhang stets die empfohlenen mindestens 10 Prozent der Stadionkapazität erhält. Dies wäre durch 200 Gästetickets gewährleistet gewesen – vollkommen losgelöst von einer eventuell reduzierten Kapazität im restlichen Bereich des Stadions. Mit der Anzahl von 100 Tickets folgt Altona 93 ausschließlich behördlichen Vorgaben.

Sitzplätze stehen an der Adolf-Jäger-Kampfbahn übrigens grundsätzlich im abgetrennten Gästebereich nicht zur Verfügung, sie sind nur auf der Haupttribüne zu bekommen und ausschließlich über den allgemeinen Ticketverkauf.

Der Vorwurf, Altona 93 unternehme „den Versuch von Kostenersparnis und Vorteilserlangung durch die Abwesenheit von Gäste-Fans“ weisen wir aus oben genannten Gründen wie auch grundsätzlich zurück. Altona 93 hält sich lediglich an die Vorgaben, die dem Verein für diese Begegnung gemacht wurden. Vielmehr bedauern wir, dass die Anhänger des VfB unter der Einstufung von Spielen unter Beteiligung ihres Clubs als riskant zu leiden haben und auch, dass sie sich entschlossen haben, dem Spiel am Sonntag fernzubleiben. Allerdings möchten wir betonen, dass wir bei dieser Problematik der falsche Adressat sind.

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