Marcell Jansen (Aufsichtsratvorsitzender und Präsident HSV e.V.) braucht Ruhe im Verein. Foto: Groothuis/Witters/Pool via Michael Schwarz

Ein Kommentar von Redakteur Christian Schülling:

Zugegeben, der Hamburger SV ist nicht mein Favoritenteam. Unser Chefredakteur würde sagen, dass ich ihn hasse. Aber das trifft es nicht ganz – ich mein, ich bin ja kein Bremer. Und dennoch komme ich nicht drum hin zu sagen, dass ich es doch amüsant fand, wie die letzten Wochen so liefen. HSV was doing HSV-things. Okay, okay, genug der Häme, liebe HSV-Fans, ihr habt in den letzten Wochen genug gelitten. Denn im Grunde genommen lief es doch gar nicht schlecht…. ja okay, ich hör auf.

Analyse hier, Analyse da

Bleiben wir ernst: viel ist in den letzten Tagen darüber geschrieben worden, was beim HSV anders werden muss und was sich ändern muss, damit die Rothosen in die Bundesliga zurückkehren können. Es wurde viel sportlich analysiert, der NDR in Person von Sportchef Gerd Gottlob hat den Trainer quasi entlassen (was ja gar nicht geht, aber hey). Andere haben das angeblich fehlende taktisch Konzept angemahnt. Und die Spieler wären konditionell schwach, hätten nicht den willen und auch nicht die Klasse…. die Liste der Kritiken lässt sich wahrscheinlich beliebig verlängern.

Die Hybris des Umfeldes

Doch das Hauptproblem wird in meinen Augen nicht begriffen: die eigene Hybris in Verein und Umfeld. Das fing beim mittlerweile geschassten Bernd Hoffmann an, der auf der letzten Jahre Jahreshauptversammlung den HSV lieber vor Schalke verortete, statt der Realität Sandhausen ins Auge zu blicken. Da ist Klaus-Michael Kühne, der ständig von der Seitenlinie seine Ratschläge brüllt, Marcell Jansen an die Macht verhilft und mal wieder damit droht, auszusteigen. Da sind die Medien und die vielen ehemaligen HSV-Legenden, die sich ständig zu Wort melden und sich nach einem Unentschieden Sorgen um ihren HSV machen. Und da ist der kleiner werdende, aber dennoch lautstarke Teil der Fans, welcher nach zwei Siegen direkt von Athen, Turin oder München träumt. Jeder Aspekt für sich genommen, ist sicherlich verkraftbar. Doch in dieser Gemengelage wirkt dies hemmend bis verängstigend auf eine Mannschaft – und dann vergeigst du den sicher geglaubten Aufstieg, blamierst dich bis auf die Knochen gegen Sandhausen. Und wer die Körpersprache der HSV-Kicker in den letzten 90 Minuten der Saison sah, der wusste eigentlich, dass das nix werden konnte. Gelähmt von Angst vor dem Versagen.

Auch sportlich fehlte etwas

Klarer Fall: es gab auch die sportlichen Schwächen. Leistungsträger, welche in der Rückrunde abbauten, fehlende Führungsspieler, Verletzte, auf jeden Fall auch falsche taktische Ansätze und sicherlich auch nicht die überragende geistige und körperliche Fitness – aber an alldem kann man arbeiten! Mit Geduld und Spucke geht das auf jeden Fall. Denn kicken können die ja, das hat man oft genug gesehen. Spielerisch war der HSV für mich die beste Mannschaft der zweiten Liga – nur hat sie es oft genug nicht gezeigt oder nur für 70 Minuten. Aber daran kann und wird die Mannschaft arbeiten, denn sie ist jung und kann an der gesammelten Erfahrung der letzten 34 Spiele nur wachsen. Und sie hat genau den richtigen Trainer! Auch wenn Dieter Hecking sicherlich Fehler gemacht hat, ist er mit seiner Art und mit seiner Idee Fußball zuspielen richtig aufgehoben. Er muss aber auch das Vertrauen bekommen.

Dieter Hecking (Trainer HSV) ist weiter der richtige Mann. Foto: action press/Pool via Michael Schwarz

Bekommt endlich Ruhe ins Umfeld!

Vielleicht gelingt es dem Umfeld ja, endlich zu begreifen, dass man Sandhausen und Regensburg schlagen muss (und wenn es dreckig mit 1:0 in der 95. Minute bei 1:11 Torschüssen und aus 5m Abseits passiert), bevor man von München und Manchester träumen kann. Speziell die Medien an der Elbe müssen begreifen, dass Ruhe dem Verein gut tun würde. So wie sie Marcell Jansen und auch Jonas Boldt versuchen reinzubringen. Vielleicht sollten sich das Umfeld ganz schnell daran erinnern, wie es in Kaiserslautern gelaufen ist. Denn das will niemand – selbst die Bremer und Paulianer wohl nicht (und ich auch nicht!). Von daher bleibt zu hoffen, dass der Lernprozess endlich greift. Denn vorher wird der Aufstieg schwierig bis unmöglich.

Bis dahin, liebe Hamburger, seid ihr noch die einzige Millionenstadt Westeuropas ohne Fußballclub in Liga eins. Auch ein Alleinstellungsmerkmal.

(Anmerkung: der Kommentar spiegelt die Meinung des Autors und nicht der gesamten Redaktion wieder.)