Historischer Sieg für HSV gegen Holstein Kiel – schöne Niederlagen braucht niemand…

Tim Walter schreibt Geschichte nach fast 60 Jahren

Robert Glatzel mit dem Tor zum 1:0 für Hamburg. Kiels Torwart Thomas Dähne kommt nicht heran. Foto: Lobeca/Otto Kasch

Kiel – Es ist vollbracht. Nach 59 Jahren, 9 Monaten, 2 Wochen und 1 Tag hat der Hamburger SV wieder einen Punktspielsieg gegen Holstein Kiel errungen. Am Freitag gewannen die Rothosen an der Förde mit 3:2 (1:0) in der 2. Bundesliga. Und vor über einem halben Jahrhundert war es das gleiche Resultat: 3:2 im Volksparkstadion nach zwei Toren von Rolf Fritzsche und Uwe Seeler. Und wer der Meinung ist, das ist zu lange, dem sei gesagt, dass der letzte Pflichtspielsieg natürlich etwas kürzer zurückliegt – nämlich 15 Jahre, 1 Monat und 4 Tage – am 5. August 2007 im DFB-Pokal (1. Runde). 5:0 hieß es in der schleswig-holsteinischen Landeshauptstadt für das Team von der Elbe. Tim Walter hat also in seinem 50. Spiel als HSV-Cheftrainer Geschichte geschrieben.

Tim Walter (Hamburger SV Trainer). Foto: Lobeca/Otto Kasch

Die 1. Halbzeit: Kiel-Express fährt gegen eine Wand namens Daniel Heuer Fernandes

Doch schon nach fünf Minuten merkte man, dass die „Störche“ ihre Flügel über den Gegner ausbreiten wollten und nur an einem scheiterten: Daniel Heuer Fernandes im HSV-Tor. Er hielt seine Mannschaft in der ersten Hälfte und darüber hinaus im Spiel und bewahrte mehrfach seine Vorderleute vor Gegentreffern. Seine Paraden und Holstein-Chancen im Zeitraffer: Erras (4.) per Kopfball, Reese (8.) mit Hammer aus 20 Metern, Becker (10.) nach Ecke vorbei, Reese (11.) von der Strafraumgrenze daneben und Arp (17.) scheiterte am Rothosen-Keeper. Und noch einmal das KSV-Duo Arp und Reese (35.), der die Vorlage des früheren Hamburgers nicht nutzt. Die Gäste hätten sich nicht beschweren dürfen, wenn sie zu diesem Zeitpunkt schon mit drei oder vier Buden zurückgelegen hätten. Dank ihres überragenden Schlussmannes und des Gegners Unvermögen gab es noch keine Tore. Dazwischen lag die Kugel allerdings überraschend im „Störche“-Netz. Im Abseits schloss Kittel (25.) ab und der Treffer zählte nicht. Sieben Minuten später rettete Erras gegen Jattas Kopfball auf der Linie. Und dann kam die 39. Minute, in der Dompe eine butterweiche Flanke auf das Köpfchen von Robert Glatzel servierte. Hamburgs Goalgetter überwand per Aufsetzer Kiels Torwart Dähne zum überraschenden 1:0-Pausenstand. Die Bilanz aus dem ersten Durchgang: Kiel mit 14 Schüssen, Hamburg mit 6.

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Jonas Meffert (HSV) im Zweikampf mit Fabian Reese (Holstein Kiel). Foto: Lobeca/Otto Kasch

Nach der Pause: Wilde Nachspielzeit

Der HSV zeigte sich nun aufmerksamer und ließ seinem Schlussmann einige Ruhephasen mehr in der zweiten Hälfte. Die Holsteiner hatten zwar weiterhin die Kontrolle über die Partie, doch die Torchancen waren deutlich weniger. In der 66. Minute schafften sie den vermeintlichen Ausgleich durch Arp, doch der Treffer zählte nicht. Heuer Fernandes wurde zuvor von Wahl im Fünfmeterraum angegangen. Das wertete Schiedsrichter Daniel Siebert als Foul. Dafür klingelte es mit der ersten Möglichkeit für die Rothosen nach der Pause bei Dähne. Benes trat eine Ecke von rechts und in der Mitte wuchtete Moritz Heyer (69.) das Leder ins Netz zum 2:0. Kiel gab sich nicht geschlagen, hatte durch Arp (75.) die nächste Gelegenheit. Der gebürtige Segeberger lupfte den Ball über Heuer Fernandes und danach am Gehäuse vorbei. Den Deckel drauf machte Ludovit Reis (85.) mit einer Einzelleistung zum 3:0. Der Niederländer ließ Reese stehen, zog an Wahl in die Mitte und versenkte das Spielgerät hinter Dähne. Die Vorentscheidung, hätte man denken können, doch es wurde noch richtig spannend. Die „Störche“ drängten weiter, doch Bartels (88.) scheitertet aus 20 Metern an Heuer Fernandes. Die Nachspielzeit lief und auf einmal stand es 1:3. Heyer (93.) zeigte den Hausherren, wie man den eigenen Torwart bezwang. Nach einer Flanke klärte er den Ball ins eigene Netz. Sekunden später war dieser schon wieder genau dort. Fin Bartels (93.) bekam die Vorlage direkt von Hamburgs David und ließ sich nicht zweimal bitten – 2:3. Die drei Minuten Nachspielzeit waren vorbei und es passierte nichts mehr. Noch 180 Sekunden länger und die Kieler hätten den HSV womöglich doch noch kalt erwischt. Sieg für Hamburg nach vier Jahren ohne „(Dr)eier“ gegen Holstein und Tabellenführung vorerst in der Tasche. Statistik nach Abpfiff: 22 Torschüssen für Kiel, 12 für Hamburg.

Hauke Finn Wahl (Holstein Kiel) attackiert HSV-Keeper Daniel Heuer Fernandes. Foto: Lobeca/Otto Kasch

Das Fazit: Bitte kneifen

Dass wir das noch erleben dürfen, dass der HSV ein Fußballspiel in der 2. Bundesliga gegen Holstein Kiel gewinnt. Das hätte man vielleicht nicht für möglich gehalten. Drei Niederlagen und fünf Unentschieden mussten die Anhänger der Rothosen in den vergangenen vier Jahren erleiden. Gut in Erinnerung war dabei die 0:3-Klatsche nach dem Bundesliga-Abstieg im ersten Zweitligaspiel im Volksparkstadion am 1. Spieltag. Nun ist dieser Fluch Geschichte. Wenn auch nicht ohne Daniel Heuer Fernandes, denn der Hamburger Torhüter fischte fast alles weg, was die „Störche“ an Eiern auf seinen Kasten abgaben. Dass am Ende der eigene Mann dafür sorgte, dass er nach drei Auswärtsbegegnungen zu null doch bezwungen wurde und dann innerhalb von einer Minute nochmal ist der Wermutstropfen der Reise an die Förde. Er war in diesem Nordduell der beste Mann beim neuen Spitzenreiter der Nacht. Aber man muss ehrlich sein: Der Sieg ist nur verdient, weil die Kieler es nicht schafften die größten Möglichkeiten zu nutzen. Darum darf man sich zwar freuen, aber nicht abheben. Der Grund: Der HSV hat zwar eine gute Defensive, aber einen noch besseren Schlussmann (übrigens auch nicht immer fehlerfrei, außer heute). Man könnte es auch so ausdrücken: der Hamburger SV gewinnt Spiele, weil die Gegner einfach nicht zielstrebig genug sind. Miro Muheim und Moritz Heyer sind keine Bank auf den Außenverteidigerpositionen. Immer wieder brechen die Flügelstürmer durch und haben dann noch Mario Vuskovic oder Sebastian Schonlau vor sich. Letzterer ist allerdings nicht der schnellste Liga-Verteidiger und dann kommt eben noch DHF im Bunker. Fakt ist auch, dass der neue Tabellenführer immer öfter mit hohem Anlaufen und Pressing nicht gut zurechtkommt und dann Fehler fabriziert. Kiel war einfach nicht clever genug, das zu nutzen. Und dann ist da auch noch ein Robert Glatzel, der entweder Freiräume noch und nöcher reißt oder eben selbst aus den unmöglichen Situationen trifft. Gut, dass „Bobby“ und „Ferro“ in Rothosen herumlaufen… Doch ganz zum Schluss steht ein Sieg mit drei Punkten im Jahrbuch und nicht die Schönheit der Niederlagen…

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Steven Skrzybski (Holstein Kiel) gegen Sebastian Schonlau (Hamburger SV). Foto: Lobeca/Otto Kasch

Die Stimmen nach der Partie

Tim Walter (Hamburg): „Holstein hat sich dieses Mal einen anderen Plan als zuletzt überlegt, hat sehr offensiv agiert und ist gut ins Spiel gekommen, weil wir zu inkonsequent waren. Nach 20 Minuten haben wir es besser in den Griff bekommen und sind auch in Führung gegangen. In der zweiten Hälfte hat sich dann wieder gezeigt, dass es sehr schwierig ist, gegen uns zu spielen, wenn wir in Führung sind, und wir haben es dann auch viel besser ausgespielt. Folgerichtig haben wir auch das 2:0 und 3:0 nachgelegt. Am Ende machen wir es dann selbst nochmal spannend, aber unterm Strich zählt nur der Sieg, denn ab morgen geht es schon wieder weiter, dann bereiten wir uns auf das nächste Spiel vor.“

Marcel Rapp (Kiel): „Ich habe seine sehr gute Holstein-Mannschaft gesehen. Wir sind gut reingekommen und hatten viele Torabschlüsse, aber leider fehlte uns die Präzision. Nach dem Rückstand ist es schwer gewesen gegen den HSV, aber es ist bemerkenswert, dass die Mannschaft trotzdem immer weitergemacht hat. Am Ende hatte ich schon den Gedanken, dass der Fußball ja schon das eine oder andere Mal verrückte Geschichten geschrieben hat, aber leider hat es nicht mehr ganz gereicht. Dennoch großes Kompliment an meine Mannschaft für dieses Spiel.“

Der 8. Spieltag (9. – 11.9.)

Nürnberg – Bielefeld 1:0
Kiel – Hamburg 2:3
Paderborn – Regensburg (Sa., 13 Uhr)
Hannover – Braunschweig
Karlsruhe – Heidenheim
Düsseldorf – Rostock (20.30 Uhr)
St. Pauli – Sandhausen (So., 13.30 Uhr)
Magdeburg – Fürth
Kaiserslautern – Darmstadt

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