HSV-Krimi mit Überlänge und die Zerstörung des Elfmeterpunktes

Heyer trifft in der Nach-Nachspielzeit zum ersten Heimsieg

Moritz Heyer (HSV) im Strafraum. Foto: Lobeca/Norbert Gettschat

Hamburg – Angekommen, auch zuhause. Der Hamburger SV hat sein erstes Heimspiel in der 2. Bundesliga in dieser Saison gewonnen. Nach 98 Minuten stand ein 2:1 (0:0) gegen SV Sandhausen auf der Anzeigentafel im Volksparkstadion. Die meisten der 19.950 Zuschauern feierten, doch sie mussten starke Nerven beweisen, denn der Siegtreffer fiel erst mit der letzten Aktion der Partie.

Gedenken an „Ossi-Maik“

Die Hausherren liefen übrigens zu Ehren des vor kurzem verstorbenen HSV-Fans und Besitzer „Ossi-Maik“ (bürgerlicher Name Maik Kranz) der Fan-Kneipe „Tankstelle“ mit einem Trauerflor auf. Einen Trauermarsch zum Stadion vieler Anhänger gab es vor der Begegnung. Der 53-jährige Kiez-Wirt verlor den Kampf gegen Lungenkrebs und hinterlässt seine Ehefrau Eike (45) und einen Sohn.

Die 1. Halbzeit: Chancenwucher bei Gastgebern

Von Beginn an war klar: Der HSV will hier ein Feuerwerk abbrennen. Glatzel (6.), Heyer (9.), Wintzheimer (10.) und Leibold (12.) schafften es nicht Mega-Chancen im Sandhäuser Kasten unterzubringen. Noch einmal versuchte es Glatzel (17.) aus der Drehung am Fünfmeterraum und ballerte die Kugel drüber. Eine Minute später versuchte es Wintzheimer auf der anderen Seite aus der gleichen Entfernung. SVS-Keeper Drewes hatte alle Hände voll zu tun und brachte die Rothosen zur Verzweiflung. Die gab es vor allem in der 25. Minute als Glatzel auf Wintzheimer passte. Der Rechtsaußen lief alleine auf das gegnerische Gehäuse zu und hätte nur in die Mitte zum freistehenden Kittel rüberschieben müssen. Stattdessen versuchte er es selbst und scheiterte an Drewes. Danach war die Luft bei ihm und seinen Mannschaftskameraden erst einmal raus, zumindest was Chancen anging. Sandhausen hatte in der gesamten ersten Hälfte nur zwei Torschüsse und eine davon gab es durch Ajdini (34.). HSV-Schlussmann Heuer Fernandes war zum ersten Mal extrem gefordert und parierte den Schuss. Bis zur Pause waren die Gäste auf Augenhöhe, doch Nennenswertes gab es nichts mehr bis zum Seitenwechsel.

Szene zum Elfmeter: Erik Zenga (Sandhausen) trifft Sonny Kittel (HSV). Bakery Jatta (HSV) und Aleksandr Zhirov (Sanhausen) schauen zu. Foto: Lobeca/Norbert Gettschat

Nach der Pause: Die Zerstörung des Elfmeterpunktes

Mit Wiederanpfiff ging die dominante Reise der Hamburger weiter, aber auch der SVS traute sich. Die erste große Möglichkeit im zweiten Durchgang ging auf das Konto der Hausherren, als erst Glatzel an Drewes mit einem Kopfball und im Nachgang Meffert (50.), ebenfalls per Kopfball, aber drüber, scheiterten. Richtig Glück hatte dabei auf die HSV-Abwehr eine Minute später als Keita-Ruel (51.) im Strafraum einschussbereit wegrutschte. Die Rothosen arbeiteten sich wieder Richtung Sandhäuser Tor: Eine Kittel-Flanke kann Glatzel (66.) nicht an Drewes vorbeibringen. Kurze Zeit später wurde es hektisch: Kittel (71.) fällt im Strafraum, weil Zenga das Bein zu hoch hatte und den Hamburger am Oberkörper traf – Elfmeter! Kinsombi schnappet sich die Kugel und wollte sie sich gerade auf den Punkt legen, da kam der bereits gelbvorbelastete Ritzmaier vorbei und trat noch einmal auf den Elfmeterpunkt und drehte seinen Fuß darin… Warum? Die Frage dürfte er sich vermutlich selbst noch einmal nach dem Spiel gestellt haben. Schiedsrichter Dankert zeigte ihm die Gelb-Rote Karte. SVS-Coach Gerhard Kleppinger war zumindest wenig begeistert und sagte nach dem Spiel, dass ihm das als „erfahrenen Spieler nicht passieren darf“. Den Strafstoß verwandelte Kinsombi (74.) locker ins linke Eck zur HSV-Führung. 1:0 für Hamburg und Sandhausen eine Viertelstunde vor dem Ende in Unterzahl – das sollte doch zum ersten Heimsieg reichen. Denkste! Die Rothosen versuchten nachzulegen, doch Glatzel (79.) per Kopfball an Drewes gescheitert und Jatta (80.) aus 15 Metern drüber, verpassten das 2:0. Die Quittung kam zwei Minuten vor dem regulären Ende, als die Hamburger eine Ecke nicht wirklich aus der Gefahrenzone bekamen und Kittel den gebürtigen Hamburger und Ex-St. Pauli-Kicker Conteh vorbeiziehen ließ. Ein Pass in den Rücken der Abwehr und Bachmann (88.) haute das Leder unter die Latte zum 1:1-Ausgleich. Stille im Volkspark und die Nachspielzeit begann. Vier Minuten wurden angezeigt, doch nachdem erst Jatta (92.) die erneute Führung sowie Glatzel (93.) verpassten und sich Drewes dabei verletzte, gab es auf einen Extra-Nachschlag. Die letzte Ecke des Spiels brachte die Entscheidung. Die landete am zweiten Pfosten bei Heyer (96.), der den angeschlagenen Sandhäuser Schlussmann mit einem Flachschuss ins lange Eck bezwang – 2:1 und kurz danach pfiff Dankert die Partie ab. Ach ja: Rot gab es noch für Ischdonat (98.), den SVS-Torwarttrainer, der einen Stuhl vor Wut umtrat.

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David Kinsombi (HSV) trifft zur Führung gegen Torwart Patrick Drewes (SV Sandhausen). Foto: Lobeca/Norbert Gettschat

Das Fazit: Nichts für schwache Nerven

Für Herzkranke Menschen war das nichts, das steht fest. Die Chancenausbeute des Hamburger SV war salopp gesagt katastrophal, doch der Wille ungebrochen. Auf jeden Fall war es ein absolut verdienter Sieg, das ist ebenfalls klar. Der erste Heimsieg ist eingetütet und das zählt am Ende. Dieses Mal hat sich die Mannschaft von Tim Walter am Ende belohnt, doch der Aufwand war riesig, den sie dafür aufgebringen musste. Das hätte man einfacher haben können. Die Nummer mit der Zerstörung des Elfmeterpunktes wird zudem in die Geschichte eingehen. Schlau war das zumindest nicht…

Torschuss von Robert Glatzel (HSV). Immanuel Höhn (Sandhausen) versucht noch an den Ball zu kommen. Foto: Lobeca/Norbert Gettschat

Die Stimmen nach dem Spiel

Gerhard Kleppinger (Sandhausen): „Wir wussten, was auf uns zukommt. Wir haben versucht, hoch anzulaufen und uns mit unseren Möglichkeiten reinzuhauen, konnten aber selbst kaum gefährlich werden. In der zweiten Hälfte wollten wir tiefer stehen und die Räume enger machen, haben uns aber in der Phase, in der das 0:1 fiel, zu weit reindrängen lassen. Danach sind wir aber nochmal an die Sonne gekommen und machen tatsächlich noch in Unterzahl das 1:1. Wenn man dann aber in der Schlussminute doch noch das 1:2 kassiert, dann ist das natürlich sehr demoralisierend, die Jungs sind brutal enttäuscht. Klar ist aber, dass uns der HSV lange Zeit erdrückt hat, viel mehr Ballbesitz und Torchancen hatte und entsprechend auch insgesamt der verdiente Sieger ist.“

Tim Walter (Hamburg): „Es war aus meiner Sicht ein hochverdienter Sieg, der aber dennoch glücklich zustande gekommen ist, da das entscheidende Tor so spät fällt. Ich mache meiner Mannschaft aber ein großes Kompliment für die Art und Weise, wie sie gespielt hat, wie griffig sie war und wie sie sich immer wieder Torchancen erarbeitet hat. Wir haben uns immer wieder über außen durchgespielt, nur der letzte Ball muss bei uns noch besser kommen, in dieser Entscheidungsfindung können wir noch besser werden. Aber es ist aller Ehren wert, dass diese teilweise noch sehr junge Mannschaft nach dem Ausgleich, der natürlich unnötig war, nicht die Geduld verloren und sich am Ende belohnt hat. Wir freuen uns riesig über den gut herausspielten und dennoch hart erkämpften Sieg – und über die sensationelle Unterstützung der Fans. Es war grandios und so schön! Genau das ist das, was wir brauchen, einfach überragend von den Zuschauern, das war überragend!“

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Der 6. Spieltag (11./12.9.)

Karlsruhe – Kiel 2:2
Hannover – St. Pauli 1:0
Ingolstadt – Bremen 0:3
Hamburg – Sandhausen 2:1
Heidenheim – Dresden (So., 13.30 Uhr)
Paderborn – Schalke
Aue – Düsseldorf
Regensburg – Nürnberg
Rostock – Darmstadt

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