Lübeck – Der Ball ruht! Die Erkenntnis ist nicht neu, wurde durch die weitere Aussetzung des Spielbetriebs seitens des SHFV aber weiter manifestiert. Dennoch macht man sich beim Landesverband Gedanken über die Zukunft, sowohl auf wie auch abseits des Spielfeldes. Zwar hängt die Zukunft des Schleswig-holsteinischen Fußballsports (die finanziellen Corona-Folgen außen vorgelassen) nicht am seidenen Faden, doch wie alle Sportarten macht sich auch der Fußball Gedanken über seine Zukunft. Denn der Nachwuchs bleibt vielerorts aus.

Bundesweit knapp 30.000 Teams weniger

Denn die nackten Zahlen des DFB lügen nicht. Seit 2008 hat der größte Einzelsportverband der Welt 30.000 (!) Mannschaften verloren. Schleswig-Holstein bildet da keine Ausnahme. Kurzfristig oder während der Saison abgemeldete Mannschaften und kleiner werdende Spielklassen sind eher Regel statt Ausnahme. Auch in den letzten drei Jahren sei die Zahl der angemeldeten Mannschaften nochmal um neun Prozent zurückgegangen, so Helmut Johansson im Gespräch mit HL-SPORTS, trotz vieler Initiativen. Johannsson ist Vizepräsident des SHFV für die Zukunftsentwicklung und hat alle Zahlen im Blick: „Vor allem bei den Junioren und bei den Frauen haben wir große Rückgänge zu verzeichnen.“ Doch warum ist das eigentlich so?

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Die Gründe

Die Frage ist einerseits einfach, andererseits weniger einfach zu beantworten. Vor allem ist sie enorm vielschichtig. Die allgemeine, demografische Entwicklung ist auf jeden Fall zu nennen. Wenn weniger Kinder geboren werden, können auch weniger Kinder mit Sport beginnen. Gleichzeitig kommt auch ein verändertes Schulleben hinzu. Die Ganztagsschule ist eher die Regel als die Ausnahme. Doch der gewichtigste Grund sei die Freizeitgestaltung, so Johansson: „Die Kinder und Jugendlichen haben ganz andere Möglichkeiten als vor 15 oder 20 Jahren. Man konkurriert nicht mehr nur mit dem benachbarten Handball- oder Tennisverein, sondern mit ESports und vielen anderen Angeboten.“ Zudem sei die Jugend heute deutlich kritischer als es noch eine Generation zuvor der Fall war: „Sie hinterfragen viel mehr, wollen mitgenommen und begeistert werden.“ Mit all diesen Phänomenen müsse man sich auseinandersetzen. Durchaus selbstkritisch geht Helmut Johansson aber auch mit der Rolle des SHFV um. Beispielsweise hätte es an einer schnelleren und mutigeren Umsetzung digitaler Qualifizierungsmaßnahmen und Kommunikationsmechanismen für die Trainer und Ehrenamtler in den Vereinen hätten gefehlt.

Analyse ist optimierbar

Die Zeichen der Zeit hat man beim DFB und auch bei den Landesverbänden erkannt und auch schon Maßnahmen ergriffen. „Mitunter waren die Maßnahmen für die Vereine aber zu aufwendig oder intransparent und blieben von Verbandsseite zu unvalidiert und unfokussiert.“ meint Johansson: „Ob die Maßnahme, die in Verein A vielleicht gut funktionierte, auch für Verein B taugt, wurde dabei nicht erfasst und analysiert.“ Generell hinke man bei der Analyse der einzelnen Maßnahmen hinterher, gesteht der SHFV-Vizepräsident, sagt aber auch: „Wir verbessern uns da stetig. Vor wenigen Monaten hätten wir noch wenige belastbare Zahlen vorlegen können. Da sind wir heute ein Stück weiter. Aber wir sind bei der Analyse noch nicht da, wo wir sein können und wollen.“ Strukturell gibt es also einiges aufzuarbeiten, doch Johansson sieht den SHFV da auf einem guten Weg. Zumal mit der Vereinsbefragung im letzten Jahr und dem Fußballkongress Anfang diesen Jahres auch die Vereine ihren Beitrag zur Analyse leisten konnten.

Breites Maßnahmenpaket

Nun ist der SHFV bemüht, die Vorschläge und Ideen in konkrete Maßnahmen umzusetzen. Eine dieser Initiativen ist beispielsweise der Einsatz des Vereinsberaters. Dessen Besuch kann ein Verein über die SHFV-Homepage beantragen. Diese Berater sollen gemeinsam mit den Vereinen erarbeiten, welche Möglichkeiten zur Förderung es gibt. „Die Berater stellen auch Fragen“, berichtet Johansson: „Denn jeder Verein hat andere Problemgebiete, jeder Verein ist schlicht anders. Von daher versuchen unsere Berater bestmöglich auf jeden Verein einzugehen.“ Dieses Angebot wird auch vielfach genutzt. Ein weiterer Maßnahmenpunkt ist, dass die Vereine Unterstützung bei der Gewinnung von Schulpartnern erhalten: „Die Kooperation zwischen Schulen und Vereinen ist ganz wichtig. Hier kann ein Club ganz gezielt Nachwuchs gewinnen. Im Gegenzug sind viele Schulen froh, wenn sie Abwechslung in ihren Sportunterricht bekommen.“ Dass das Ganze auch noch finanziell bezuschusst wird, ist ein weiterer, positiver Aspekt. Auch hier ist der SHFV beratend tätig.

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Der Nachwuchs wird weniger (Foto: Lobeca/Homburg)

Spaß vermitteln

Aber auch anderer Stelle wird der Verband aktiv. Ein wichtiger Baustein ist dabei die Einführung von Funino in den jüngsten Altersklassen. Bei dieser Variante auf Kleinstfeldern mit nur wenigen Spielern (in der Regel 3 gegen 3), häufigen Spielerwechseln und ohne Torwart soll vor allem der Spielspaß geweckt werden. „Die Kinder sollen spielen, spielen, spielen!“ meint Helmut Johansson dazu. So kann man auch jedes Kind individueller fördern, ohne dabei zu früh auf taktische Korsette zurückgreifen zu müssen.

Apropos Spaß: man hat erkannt, dass ein wichtiger Faktor für den Spaß am Fußball der Trainer ist. Hier erwartet Johansson viel Arbeit, denn: „Viele Trainer sind nicht richtig ausgebildet. Das liegt daran, dass vielfach Eltern oder Verwandte in die Rolle reinrutschen, weil niemand anders da ist. Und die kennen häufig nur ihr Jugendtraining von vor 20 Jahren.“ Dies nehme den Kindern häufig die Freude am Fußball – mit dem Effekt, dass sie frühzeitig als Nachwuchs verloren gehen. „Hier wollen wir ansetzen“, führt Johansson weiter aus: „Mit Angeboten von kurzen Lehrgängen wollen wir Ideen vermitteln, wie das Training Spielern und Trainern Spaß macht. Wir wollen auch Verbandstrainer schicken, die Tipps geben können.“ So will man die Anzahl der jugendlichen Spieler, die frühzeitig die Buffer an den Nagel hängen, vermindern.

Vereine für den Frauenfußball sensibilisieren

Groß sind auch die Probleme beim Frauenfußball. Auch hier ist die Zahl der Mannschaften seit Jahren rückläufig. Der kurzfristige Effekt durch die Heim-WM 2011 ist ebenso verpufft wie durch Olympia-Gold 2016. Darüber hinaus ist der Frauenfußball zu häufig von Einzelpersonen abhängig, denen dann unter Umständen die Unterstützung durch den Verein fehlt. „Hier müssen wir die Vereine sensibilisieren, dass sie die Frauen und Mädchen genauso unterstützen wie die Männer“, legt Johansson den Finger in die Wunde. Gleichzeitig betont der SHFV-Vizepräsident aber auch: „Es gibt viele Vereine, die machen das schon ganz großartig!“ Dennoch will man vor allem die Frauen verstärkt fördern. Hier sollen ehemalige Aktive angesprochen werden, um als Trainerin oder Schiedsrichterin dem Fußball erhalten zu bleiben.

Viel Arbeit, aber Licht am Ende des Tunnels

Dass man den Substanzverlust, speziell im Jugendbereich, komplett auffangen kann, ist utopisch – gewisse Parameter wie die demografische oder schulische Entwicklung werden auch in Zukunft ihre Spuren hinterlassen. Aber man ist bemüht, den Abwärtstrend zu verlangsamen. Ob die aufgezeigten Maßnahmen erfolgreich sein werden, muss die Zukunft zeigen. Da liegt auch noch viel Arbeit vor allen Beteiligten. Klar ist, dass der Verband allein machtlos ist – er braucht dazu die Unterstützung, Ideen und Umsetzung durch die Vereine. Helmut Johansson sieht Schleswig-Holstein mit dem Fußballkongress und der Vereinsbefragung auf dem richtigen Weg. Und ein wenig Licht am Ende des Tunnels besteht auch: jeder vierte Verein im Land hat in den letzten zwei Jahren einen Zuwachs an Mannschaften und aktiven Mitgliedern. Ein kleiner Erfolg, auf den es aufzubauen gilt und das berühmte Licht am Ende des schwarzen Tunnels.