Interview mit Reenald Koch: „Fußball ist Big Business“

Fans von Eintracht Norderstedt
Foto: Lobeca/Homburg

Norderstedt – Am Rand von Hamburg wächst etwas heran – und das nicht erst seit gestern. Eintracht Norderstedt hat mit Platz fünf in der Regionalliga Nord sein bestes Saisonergebnis seit Bestehen erreicht. Der Erfolg hat Namen. Eine One Mann-Show ist das auf keinen Fall. Das bestätigte Reenald Koch, Präsident des Clubs seit dem Gründungsjahr 2003. Zusätzlich ist er noch Vorsitzender des Regionalligaausschusses. HL-SPORTS sprach mit ihm über die Eintracht, die Regionalliga und die Entwicklung des Fußballs.

„Wir brauchten eine neue Hackordnung“

HL-SPORTS: Hallo Reenald, was ist euer Geheimnis für den Erfolg in dieser Saison?

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Reenald Koch: Wir hatten einen völligen Umbruch und brauchten eine neue Hackordnung in der Mannschaft. Dabei sind die Neuverpflichtungen sehr gut eingeschlagen. Großen Anteil daran hat natürlich das Trainerteam. Jens Martens und Olufemi Smith sind kongeniale Partner. Dazu haben wir uns noch einmal punktuell zur neuen Saison sehr gut verstärkt. Dazu kommt noch unser neuer Torwarttrainer Marc Kassler, der extrem engagiert ist. Gefühlt trainieren die Torhüter in der aktuellen Zeit jeden Tag. Da hat man einen wunderbaren Mix aus jung und alt und das erträumt man sich. Das funktioniert.

HL-SPORTS: Das Trainerteam macht viel aus. Erfahrung und junges Blut?

Reenald Koch: Das sehen wir auch so. Jens ist ein hervorragender Pädagoge und kennt sich im Fußball aus. Er geht mit dem Zeitgeist und hat täglich mit jungen Menschen zu tun. Olefemi kennt sich zusätzlich gut mit den neuen Medien aus, macht die Analyse und da werden Videos an die Spieler geschickt für die Vorbereitung zum nächsten Spiel. Das ist für die Regionalliga schon absolut professionell. Und da ergänzen die beiden sich gegenseitig sehr gut.

HL-SPORTS: Ist die Regionalliga das Zwischenstück von Amateur- und Profisport?

Reenald Koch: Wir haben mit sechs Zweitvertretungen schon Vollprofis und mit Lübeck in der vergangenen Saison ebenfalls eine Mannschaft, die unter Profibedingungen agiert. Selbst wir haben täglich einmal und einmal sogar in der Woche vormittags trainiert. Das ist ein halbprofessioneller Bereich. Wenn du nicht viermal die Woche mindestens trainierst, wird es schon schwer in der Regionalliga. Du musst die Möglichkeiten und auch die Spieler haben, die dazu bereit sind.

„Wir könnten auch 3. Liga“

HL-SPORTS: Du bist seit 2003 ununterbrochen Vereinspräsident von Eintracht Norderstedt. Ist es eine „One Man-Show“?

Reenald Koch: Nein, das ist es auf keinen Fall. Ohne die Familie und vor allem Horst Plambeck würde der Verein vom Potenzial in der Oberliga spielen. Wir könnten auch Dritte Liga, aber ob es jemals dazu reicht, hängt mit den Auflagen des DFB ab. Aber wir könnten das. Unbekanntes Terrain ist das auch nicht, denn damals hat der 1. SC Norderstedt um den Aufstieg in die 2. Bundesliga unter Horst Plambeck gespielt. Mit der Neugründung des FC Eintracht mussten wir damals in der Kreisliga starten und ich glaube, wir haben das in den 17 Jahren ganz ordentlich hingekriegt haben. Das Flutlicht machen wir jetzt neu, dass dann fernsehtauglich ist. Abendspiele sind dann auch endlich möglich. Mit 30 gemeldeten Mannschaften sind wir auf einem ganz guten Weg.

HL-SPORTS: Ist die 3. Liga dann doch ein Traum?

Reenald Koch: Man muss der Realität ins Auge blicken. Die Stadionkapazität ist ein Punkt, den wir sicherlich mit Unterstützung der Stadt hinbekommen könnten, aber durch Corona dürften hier die Stadtkassen auch nicht mehr so voll sein. Und das ist nur ein Punkt, denn Infrastruktur, wie Parkplätze oder ähnliches, spielen auch eine Rolle. Wir haben immer gesagt, dass wenn wir es sportliche schaffen aufzusteigen, dann tun wir das auch. Wenn es soweit sein sollte, dann muss man in die Gespräche einsteigen und dann machen wir das auch. Das steht bei uns völlig außer Frage.

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„Je höher, desto schlimmer“

HL-SPORTS: Zu dir. Du hast selbst beim FC St. Pauli gespielt. Wie siehst du den Fußball von damals und heute? Ist es ein Geschäft?

Reenald Koch: Fußball ist „Big Business“ und das fängt in der 3. Liga an. Selbst wir in der Regionalliga Nord sind ja ein Unternehmen. Wir haben einen Umsatz von einer halben Million. Je höher du kommst, desto schlimmer wird das. Wir als Spieler waren früher nicht schlechter als heute. Heute wird einfach viel mehr verwissenschaftlicht. Das ist aber nicht zum Besten. Klar muss man dem Fortschritt aber folgen. Heute haben wir mit Spielerberatern und einer viel größeren Medienlandschaft einen größeren Hype. Wenn wir früher morgens am Millerntor aus dem Bus steigen, sind wir noch mit den Trainingsanzügen über den Kiez gelaufen und da hat keiner ein Foto geschossen. Heute würde es sofort in den Sozialen Medien sein. Das ist eine andere Geschichte.

HL-SPORTS: Du bist ein Freund der direkten Worte. Sind Spieler oder Trainer im Profibereich oft gehemmt?

Reenald Koch: Natürlich. Die verdienen damit ihr Geld und sind alle gestreamlined. Du musst ja aufpassen, was du sagst. Das würde Wellen schlagen, wenn du etwas sagst, was nicht gut ankommt. Das ist auch den Sozialen Medien geschuldet. Das können sich nur gestandende Leute erlauben.

„Der Fußball muss wieder losgehen“

HL-SPORTS: Zurück nach Norderstedt: Wo geht die Reise nach Corona hin?

Reenald Koch: Es fängt oben an und dort gibt es schon weniger Geld durch die Fernsehverträge. Es geht weiter bei uns und wir wissen noch nicht, wann wir überhaupt wieder spielen können. Da muss sich die Politik mehr bemühen, dass die stiefmütterliche Behandlung aufhört. Der Sport ist gesellschaftlich so wichtig. Da fehlt mir die Unterstützung. Wenn der Schulbetrieb nach den Ferien wieder anfängt, muss auch der Fußball wieder losgehen. Wir haben sonst ein Riesen Problem in der Gesellschaft. Die Vereine würden sonst sterben. Mitgliedsaustritte sind die Folge. Die Vereine sind Bindeglied zwischen Migration und Integration und für den Zusammenhalt der Gesellschaft sehr wichtig. Dazu machen sich viele einfach keine Gedanken.

HL-SPORTS: Wie denkst du über die zweigeteilte Regionalliga Nord?

Reenald Koch: Es musste eine Form gefunden werden, dass man in Wettkampfform kommt. Dieser Kompromiss ist sehr gut.

HL-SPORTS: Dankeschön für das Interview und weiterhin viel Erfolg mit der Eintracht.