Schiedsrichter Boris Hoffmann im Kreisliga-Einsatz
Foto: Lobeca/Raasch
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Barmenia Roland Kahl

Lübeck – Boris Hoffmann, Schiedsrichter-Chef a.D. der Lübecker Unparteiischen, war über zwei Jahrzehnte der Antrieb für den 23. Mann auf und neben dem Platz. Neben unbeschreiblichen Veranstaltungen, wie die Schiedsrichter-Lehrabende mit interessanten Gästen, die aus dem Bundesliga-Alltag berichteten, dem Martin Redetzki-Gedächtnis-Cup oder der Deutschen Meisterschaft der Schiedsrichter in der Hansestadt, hat er zusammen mit seinem Team vieles auf die Beine gestellt und Brücken gebaut. Nun ist er im Verband tätig und bringt seine Erfahrungen und Ideen landesweit ein. HL-SPORTS hat ihn am Rande des MRG-Cup am vergangenen Wochenende getroffen und ihn zu 23 Jahren Kreisarbeit befragt.

HL-SPORTS: Hallo Boris, 15 Jahre Kreisschiedsrichterobmann haben ein würdiges Ende gefunden. Du hast das Amt weitergeben. Was für ein Gefühl war das und wie schwer fällt es auch loszulassen?

Boris Hoffmann: Die neue Funktion im Verbandsschiedsrichterausschuss ist mindestens genauso zeitaufwendig. Auch hier verfolgt man im Team mit dem Verbandsschiedsrichterausschuss Ziele und Visionen, wobei es hier nicht nur um Lübeck, sondern um die gesamte Schiedsrichterei im Bundesland geht. Daher fällt das Loslassen nicht schwer, zumal ich ein sehr gutes Team hinterlassen habe. Außerdem bin ich nicht aus der Welt und werde genauso mit meinen Jungs kommunizieren, wie vorher auch.

„auch Mal falsche Entscheidungen“

HL-SPORTS: Insgesamt warst du 23 Jahre im Kreis tätig. An welche Highlight-Situationen erinnerst du dich in dieser Zeit, die besonders schön und ziemlich schlimm waren?

Boris Hoffmann: Highlights? Da gab es etliche. Der ersten beiden Einsätze eines Lübecker Schiedsrichter-Teams in Düsseldorf bei der U19 Champions-Trophy mit Live-Übertragung im damaligen Deutschen Sport Fernsehen, die entstandene Freundschaft zu Alexander Harkam auf der Lübecker Lohmühle beim Länderspiel Deutschland gegen Dänemark, die Produktionen mit dem Spielverderber an der Basis mit mittlerweile über eine Million Besuchern, die entstandenen Freundschaften in Düsseldorf, Graz und weiteren Städten. Ebenso freut mich besonders, dass wir zu unseren Vereinen eine besondere Beziehung und Akzeptanz aufgebaut haben, die einzigartig ist! Schlimm? Im Laufe der Zeit hat man auch Mal auf die falschen Menschen gesetzt – da wurde man auch Mal brutal enttäuscht. Und im Nachgang habe ich auch Mal die falsche personelle Entscheidung getroffen, das ärgert mich auch Jahre danach.

HL-SPORTS: Deinen Nachfolger und sein Team hast du schon eingearbeitet und arbeitest es noch weiterhin ein. Das ist nicht selbstverständlich. Warum tust du das?

Boris Hoffmann: Es soll hier nichts an Qualität verloren gehen. Das bin ich nicht nur den Schiedsrichtern sondern auch den Vereinen in Lübeck schuldig.

HL-SPORTS: Die Schiedsrichter in Lübeck sind inzwischen ein Aushängeschild für den gesamten Landesverband. Sie sind im Profi-Fußball angekommen. Wie viel Arbeit steckt für den Einzelnen und für die Förderer dahinter?

Boris Hoffmann: Für viele Schiedsrichter ist das alles irgendwann kein Hobby mehr. Da wird mehrmals die Woche trainiert, um in einem entsprechenden Rhythmus zu bleiben. In einer Gemeinschaft und mit viel Teambuilding ist dieses zumeist leichter. Wir haben im Asklepios Medical Fitness in Bad Schwartau „Profi“-Bedingungen, die machen sehr viel für uns Schiedsrichter. Unseren Landesligakader im SHFV haben wir bei einem der letzten Stützpunkte ebenfalls dort trainieren lassen, das war echt gut mit anzusehen. Dort trainieren übrigens auch die Zweitliga-Handballer des VfL Bad Schwartau. Ich persönlich betreue noch drei jüngere Schiedsrichter als Mentor. Da besteht täglich Kontakt.

„… keiner wird ungerechter behandelt“

HL-SPORTS: Nun bist du ja auch nicht aus der Welt, sondern selbst in den Landesverband berufen worden. Was ist dort deine Aufgabe und welche Ansichten muss man dort berücksichtigen?

Boris Hoffmann: Ich setze die Schiedsrichter in der Landes- und Oberliga an, zusätzlich die Schiedsrichterassistenten in der Regionalliga und die Freundschaftsspiele von der Regionalliga an aufwärts. Mit dem Kollegen Tim Becker leite ich zusätzlich die Leistungsklasse 2 inklusive Förderkader. Das ist eine spannende Aufgabe. Hier muss man das Gesamtpaket betrachten, denn es gibt nicht nur in Lübeck gute Schiedsrichter. Hier bin ich für alle Schiedsrichter da und werde diese genauso gleich und gerecht behandeln, daran lasse ich mich messen. Allerdings wird dadurch auch kein Lübecker ungerechter behandelt. Im neuen Verbandsschiedsrichterausschuss sind wir auch noch in der „Findungsphase“, aber die Zusammenarbeit macht bisher Spaß, da auch die gleichen Ansichten und Ziele im gesamten Förderkonzept verfolgt werden. Aber auch hier gilt, nicht jeder Schiedsrichter kann und wird aufsteigen können – und um diese Schiedsrichter muss man sich mit gleicher Intensität kümmern und entsprechend motivieren.

Wer versucht hier zu sparen, wird scheitern

HL-SPORTS: Das Thema Schiedsrichtermangel ist überall ein Thema. Dazu gibt es Strafen, die die Vereine natürlich nicht gut finden. Was kannst du den betroffenen Vereinen mit auf den Weg geben?

Boris Hoffmann: Schiedsrichter kosten Geld. Wer versucht hier zu sparen, wird scheitern. Handgelder und ähnliches werden auf Dauer nicht helfen und sind kontraproduktiv. In gemeinsame Trainingsprogramme zu investieren, die Gemeinschaft zu fördern und entsprechend Möglichkeiten und Ziele aufzuzeigen, sind die halbe Miete. Dafür benötigt man im Verein aber auch einen fachlich guten Obmann, der sich mit der Materie auskennt. Mittlerweile ist jeder Schiedsrichterausschuss im Kreis gut aufgestellt – da gibt es vernünftige Ansprechpartner. Ansonsten darf man sich auch gerne mit dem Schiedsrichter-Praktikum beschäftigen, da gibt es wertvolle Tipps für die Schiedsrichter-Gewinnung und wichtig: Erhaltung!

HL-SPORTS: Was sind deine Wünsche und Ziele für das neue Jahr?

Boris Hoffmann: Gesundheit. Alles andere ist Ehrenamt und Hobby. Ich habe in den vergangenen Wochen und Monaten so viel „Scheiße“ erlebt, da lernt man die wirklich wichtigen Dinge im Leben zu schätzen.

HL-SPORTS: Dankeschön für das interessante Gespräch und alles Gute für die Zukunft.

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