Für die Schiedsrichter muss mehr getan werden. Das Vorgehen der IG Schiedsrichter war aber falsch. Foto: Lobeca/Schlikis

Vollmundig hat die Interessengemeinschaft Schiedsrichter für das kommende Wochenende einen bundesweiten Schiedsrichter-Streik angekündigt. Doch kaum verkündet und durch verschiedene Medien der breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht, fällt das Ganze schon in sich zusammen. Die überwiegende Mehrheit der Schiedsrichter-Ausschüsse hat abgewunken und sich vom Vorhaben distanziert – wahrscheinlich, weil sie gar nichts davon wussten. Nun wird sich in den sozialen Netzwerken angegangen – was keinem fehlt. Ebenso wenig wie die Hybris der Initiatoren. Ein Kommentar dazu von HL-SPORTS-Redakteur Christian Kalaß.

Die Forderungen sind berechtigt und richtig

Als ich am Dienstag den ersten Bericht zum Thema „Schiri-Streik“ lesen durfte und dann die Pressemitteilung der Interessengemeinschaft Schiedsrichter las, war ich positiv gestimmt. Als ehemaliger Schiedsrichter weiß ich, was für ein Spießrutenlauf ein Spiel am Wochenende sein kann. Die Vielzahl von Schreckensmeldungen über tätliche Angriffe, selten durchgreifende Sportgerichte oder gar eine zivilrechtliche Verurteilung wegen eines zu lauten Pfiffs lassen nicht wenige Schiedsrichter am Sinn ihrer Tätigkeit zweifeln. Vom fehlenden Nachwuchs in weiten Teilen der Republik muss man da nicht anfangen.

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Daher sind meines Erachtens die Forderungen der IG Schiedsrichter berechtigt. Eine Änderung der Verfahrensordnung, die deutlich härtere Strafe für Angriffe auf Schiedsrichter vorsieht, ist dringend erforderlich. Auch Hilfe bei der Rechtsvertretung, sowohl vor den Sportgerichten wie auch im Zivilen, ist dringend geboten, ebenso wie eine Anhebung der Schiedsrichter-Spesen. Kurz: ich würde alle Punkte unterschreiben.

Ein Streik ist das richtige Mittel, aber…

Ich glaube, dass ein Streik nur die Ultima Ratio sein kann und darf. Ich glaube aber auch, als mehr oder minder neutraler Beobachter, dass die Zeit dafür gekommen ist. Spielerinnen und Spieler, Trainerinnen und Trainer, Vereinsverantwortliche, aber auch Zuschauerinnen und Zuschauer müssen merken, dass ihr Umgang mit dem Schiedsrichter besser werden muss. Und dafür bietet sich einfach an, an einem recht prominenten Spieltag wie am letzten Wochenende die Pfeife im Schrank zu lassen.

Nur: wenn ich das tue, dann muss ich diejenigen, die es betrifft, auch mitnehmen. Dazu gehört dann auch, dass ich die Schiedsrichter und vor allem die Schiedsrichterausschüsse auf Kreisebene mit ins Boot hole. Denn wenn gerade Letztere abwinken, kann so ein Streik nur ins Leere laufen. Es ist wie bei einem Streik im Berufsleben: wenn die Gewerkschaft nicht die Mitglieder mitnehmen kann, läuft das Ganze ins Leere.

Gescheitert an der eigenen Hybris

Und diesen Vorwurf müssen sich die Initiatoren einfach gefallen lassen. Einfach mal etwas raus hauen, bevor jemand anderes darauf kommt und hoffen, dass es klappt. Dass die Verbände, gerade in der entscheidenden Phase der Saison, so ein Vorgehen nicht lustig finden, sollte klar sein. Daher wäre es umso wichtiger gewesen, die Schiedsrichter an der Basis mit ins Boot zu holen – was offenbar mehrheitlich nicht geklappt hat. Das zeugt von Hybris, ebenso wie unter dem offiziellen Facebook-Account der IG Schiedsrichter geschriebene Kommentare wie „einige Schiedsrichter sind zu feige“ oder „kannst mal sehen, wie dumm die Schiedsrichter sind“.

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Noch nicht genug der Hybris? Bitte sehr: in einer veröffentlichen Stellungnahme vergleicht man sich mit Betriebsräten. „Arbeitgeber sind von einem Betriebsrat und Gewerkschaften auch nicht begeistert, müssen den Streik zur Durchsetzung von Forderungen aber dulden“, heißt es dort. Ja stimmt, nur dass Betriebsräte und Gewerkschaften gewählt und verfassungsrechtlich garantierte Organe sind. Davon ist die IG Schiedsrichter noch weit entfernt, auch wenn sich deren Redaktionsleiter Reiner Kuhn wohl als neuer Claus Weselsky sieht.

Kreisorgane müssen sich hinterfragen

Nun muss man auch die andere Seite betrachten und da komme ich aus dem Kopfschütteln nicht mehr heraus. Natürlich ist ein Streik nicht toll und kein Schiedsrichter wird streiken, weil er Bock darauf hat. Die Verweigerungshaltung zu diesem Thema tut aber fast genauso weh, wie die Hybris der IG Schiedsrichter.

„Das ist nicht unsere Art und Weise, auf Probleme hinzuweisen“, heißt es aus meinem Heimatkreis 1 in Westfalen. Oder der KSA Lübeck schreibt: „Wir stellen zudem fest, dass dieses eine Privatperson ohne offizielle Funktion eines Verbandsorgans im DFB ist! Die IG Schiedsrichter ist kein offizieller Vertreter der Schiedsrichter in Deutschland!“ Ist alles richtig, aber hilft das auf Dauer weiter?

Mit Sicherheit nicht! Wenn ich sehe, dass beispielsweise die Spesen in den vergangenen zehn Jahren auf Kreisebene um etwa fünf Euro gestiegen sind, bei Sportgerichtsverhandlungen Vereine die besten Anwälte der Stadt oder des Landes auffahren, während der Schiedsrichter ohne Rechtsbeistand dabei ist, dann läuft eine ganze Menge verkehrt. Und dagegen tun die Kreisfußballverbände und die Verantwortlichen für das Schiedsrichterwesen einfach zu wenig. Nicht umsonst wird (bundesweit gesehen) der Mangel immer größer!

Input von Außen

Auch wenn es den Damen und Herren bei den Verbänden nicht schmeckt: da ist auch Input von Außen gefragt und nicht Verbandswurschtelei. Und die Forderungen und Denkanstöße der IG Schiedsrichter sind, bei aller Hybris in der Kommunikation und im Verhalten, nicht von der Hand zu weisen. Und einen Streik braucht es – damit es auch der Letzte auf dem Spielfeld und drumherum verstanden hat, dass es ohne die Frau oder den Mann in Schwarz nicht geht!

Bildquellen

  • Schiedsrichter: Lobeca/Schlikis
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