Hamburg – Selten hatte ein Trainer beim Hamburger SV so viel Rückendeckung von den Fans wie Dieter Hecking. Trotz der desaströsen Vorstellung seiner Mannschaft am vergangenen Sonntag in Heidenheim (1:2), wollen die Fans an ihrem Coach festhalten. Das ergibt eine klare Meinung in der Anhängerschaft. Sie können es gut einschätzen, denn die, die es seit Jahren mit den Rothosen halten, haben mehr Trainer kommen und gehen gesehen, als Jahre dazwischen lagen (25 Trainer in 20 Jahren). Irgendwann muss damit eben auch Schluss sein.

Bernd Wehmeyer, Jonas Boldt (Vorstand Sport, HSV). Foto: Foto: Valeria Witters/Witters/Pool via Michael Schwarz

Nicht viel Spielraum für Sportliche Leitung

Hecking kam, da stand der Kader schon so gut wie fest. Der 55-Jährige konnte nicht viel von seiner eigenen Note mit einbringen, was übrigens genauso für Sportvorstand Jonas Boldt gilt. Der 38-Jährige trat sein Amt unmittelbar nach der Trennung des HSV von seinem Vorgänger Ralf Becker an. Das war am 24. Mai des vergangenen Jahres, also eine Woche nach Ende der Saison. Viel Zeit hatte der Ex-Leverkusener nicht mehr, doch die von Becker angeschobene Verpflichtung von Hecking brachte er über die Bühne. War es eine Notlösung? Sicher nicht, denn Hecking bringt viel mit.

Neue Chance für beide, sollte das Wunder ausbleiben

Sollte es mit dem Aufstieg in diesem Jahr wieder nichts werden, macht ein erneuter Wechsel auf der Trainerbank wohl wenig Sinn. Boldt und Hecking hätten so die Chance, in einem erneuten Anlauf ihre Erfahrungen und Qualitäten komplett ausspielen und vor allem mit einem Rumpf einen erneuten Anlauf zu nehmen. Ein neuer Trainer würde wieder alles umwerfen und ob das ein Garant für Erfolg ist, hat in der Vergangenheit auch nicht funktioniert. Der amtierende Chefcoach unterstrich am Montag nochmal, dass er sich ein weiteres Jahr beim HSV vorstellen könnte – auch in der 2. Liga. Boldt steht also unter Druck, könnte den Unmut der Fans und damit dem gesamten Umfeld auf sich ziehen. Er würde vermutlich bei einem Fehlgriff ins Trainerregal zum nächsten Bauernopfer. Der HSV hätte erneut das „Kontinuität“ nicht hinbekommen.

Trainer Dieter Hecking (HSV) nach dem Osnabrück-Spiel in Diskussionen mit Schiedsrichter Dr. Martin Thomsen. Foto: Valeria Witters/Witters/Pool via Michael Schwarz

HL-SPORTS hörte sich in der Region Lübeck bei HSV-Fans um…

„Ganz klar bleiben“

Sven Wittfot, Sportlicher Leiter beim nordwestmecklenburgischen Verbandsligaaufsteiger FC Schönberg 95, selbst früher Bundesligaspieler beim Hamburger SV, hat eine ganz klare Meinung und sagt: „Dieter Hecking muss ganz klar bleiben, wenn man zukünftig auf Kontinuität setzen will.“

„Eine Spielzeit dranhängen“

Alexander Wulff, Fußballabteilungsleiter bei Eintracht 04 Lübeck: „Ich würde mir wünschen, wenn Dieter Hecking nochmal eine Spielzeit dranhängt. Für die Last-Minute-Einstellung der Mannschaft kann der Coach nichts. Das hängt meiner Meinung nach, mit der fehlenden Qualität in der Defensive zusammen. Das reicht überhaupt nicht.“

„Hecking kann denen ja keinen Sender implantieren“

Thomas Hornberger, Fußballabteilungsleiter bei Fortuna St. Jürgen: „Eine Entlassung des Trainers ist für mich keine Lösung. Was soll Hecking machen, wenn in dem Kader zu viele Spieler stehen, die fußballerisch limitiert sind? Ein Innenverteidiger ist dauerverletzt und die anderen beiden sind nicht in der Lage einen Ball über 20 Meter unfallfrei zu einem Mitspieler zu passen. Es passieren fortwährend grobe individuelle Fehler, die das Gesamtkonstrukt ins Wackeln bringen. Was soll der Trainer machen, wenn die Spieler in der Schlußphase eines jeden Spieles die falschen Entscheidungen treffen? Hecking kann denen ja keinen Sender implantieren und seine Jungs dann von der Seitenlinie aus fernsteuern. Die Trainingssteuerung kann nicht falsch sein, denn es gibt kaum Verletzte im Kader. Die Mannschaft ist einfach nicht besser, es fehlt die Gier und der Killerinstinkt!“

„Die Truppe, samt dem Trainerteam sind mir zu emotionslos“

Jens Offen, Trainer bei Lübeck 1876: „Der HSV hat seit der Winterpause die Leichtigkeit, wie schon in der Vorsaison, verloren. Meiner Meinung nach hat die Truppe auch ein Mentalitätsproblem, was das Trainerteam um Hecking auch erkannt hat, ansonsten wäre ein Coach Esume nicht schon seit Monaten mit dabei. Doch wenn so ein Top-Motivator die Kicker nicht „zu fassen bekommt“, stimmt im Mannschaftsgefüge etwas grundsätzlich nicht. Das war beispielsweise im Spiel gegen Kiel klar zu sehen, als bei allen drei HSV-Treffern der jeweilige Torschütze kaum bis gar nicht bejubelt wurde – und das in so einem wichtigen Nordduell! Die Truppe samt dem Trainerteam ist mir zu emotionslos, da geht wesentlich mehr. Die letzten Erfolge und gute Ergebnisse in der Vergangenheit, auch international, gab es häufig nur mit Coaches wie Doll, Stevens, Pagelsdorf und anderen, die den Willen zum Erfolg auch vorgelebt haben. Es gibt genügend Trainer, auch in unteren Klassen, die das können. Baumgart oder Breitenreiter sind nur zwei davon. Ich bin gespannt, ob am letzten Spieltag nochmal die Tür aufgeht. Doch egal in welcher Klasse der HSV nächste Serie spielt, wünsche ich mir ein gieriges, hungriges Team, das Leidenschaft versprüht und es Spaß macht, wieder HSV-Fan zu sein.“

„Trainerstab macht einen guten Job“

Michael Sterley vom HSV-Fanclub „Schlutuper Raute“: „Ja, was soll man sagen. Ich bin natürlich enttäuscht, wie die letzten Spiele gelaufen sind. Mit der Mannschaft müsste doch einer von den beiden Aufstiegsplätzen erreicht werden. An dem Trainer liegt es meiner Meinung nicht. Herr Hecking, mit dem Trainerstab, macht einen guten Job. Einige Spieler sind dem Druck spielerisch und mental nicht gewachsen. Am Sonntag besteht noch eine kleine Chance den dritten Platz zu erreichen. Ich glaube daran, und dann werden wir weitersehen. In diesem Sinne. Nur der HSV.“

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