Nur mit dem Reis gab es die Probleme

WM-Kolumne „Mein Ka-Tag“ von Wolfgang Stephan

Was für ein Spektakel, was für ein Finale. Die Krönung einer tollen WM. Mit einem Weltmeister Argentinien. Lionel Messi gönne ich den Titel. Jetzt also Abpfiff, Ende, Bilanz. Mit dem Finale waren es 14 WMSpiele, die ich live im Stadion gesehen habe. Alles immer perfekt organisiert. Ich kann wirklich nicht klagen, ich habe nicht einen unfreundlichen Menschen in der gesamten Organisation getroffen.

14 WM-Spiele bedeuten 56 Fahrten mit den Fifa-Shuttle-Bussen, einer wunderbaren Einrichtung in dieser Drei-Millionen-Metropole, denn die Busse fahren bis heute tatsächlich halbstündlich 24 Stunden von einer Haltestalle in der Nähe meiner Haustür ins Medienzentrum und zurück. Von da aus starten die Shuttle-Busse in die Stadien. Dass ich seit ein paar Tagen alleine von meiner Ferienwohnung aus im Bus sitze, sei am Rande vermerkt: Schweden, Holländer, Uruguayer und mein Kollege Tillmann Mehl sind längst at home. Der Vorteil des Einzelfahrers: Die Busfahrer kennen mich und schalten die Klimaanlage ab. Der Deutsche mag es warm. Übrigens, Energiesparen spielt hier im Emirat keine Rolle. Öl und Gas haben die im Überfluss.

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Hauptverkehrsmittel waren für mich die Uber-Taxen. 72 Fahrten stehen in meiner Uber-App, macht in der Bilanz 585 Euro, denn die Fahrten sind ungemein günstig, sofort verfügbar, zuverlässig und eine wunderbare Info-Quelle, denn die Fahrer sind Arbeits-Migranten aus Nepal, Indien, Bangladesch oder aus afrikanischen Ländern. Ich habe immer gefragt, wie es ihnen in Katar gehe und ich habe nur einmal eine negative Antwort bekommen: Ein Inder beklagte sich, dass bei allen seinen Karambolagen immer der Katarier Recht bekommen hätten.

Ein Nepalese erzählte, dass er in Kathmandu als Schweißer ohne Augen-Schutz arbeiten musste und umgerechnet 30 Dollar im Monat bekam. In Katar liegt der Mindestlohn als Taxi-Fahrer bei 300 Dollar. In fünf Jahren will er mit seiner Familie in Nepal in sein neues Haus ziehen. Und sonst: Ein paar Besuche in einem Beach-Club und in der Champions-Bar, eine Media-Night mit VW und eine mit der Fifa und tatsächlich nur zwei Restaurant-Besuche. Bei den „Afghanistan Brothers“ war die Welt in Ordnung, in der Kneipe um die Ecke „Al Wasmi“ aber gewöhnungsbedürftig. Gleich am zweiten Tag mussten wir verwundert feststellen, dass es zum Hühnchen kein Besteck gibt. Ist nicht vorgesehen. Bezahlt haben wir zusammen umgerechnet sechs Euro. Gegessen wird mit den Fingern. Wäre jetzt nicht das große Problem gewesen. Aber als Beilage gab es Reis.

Trotz alledem war das keine Skandal-WM

Mein Kommentar zur WM

Argentinien ist Weltmeister. Glückwunsch. Die beste Mannschaft des Turniers hat den Titel. Und jetzt ist sie also zu Ende, die Skandal-WM im Schurkenstaat. Ein Skandal war die Vergabe der WW durch die Fifa vor zwölf Jahren – unter dubiosen Umständen an ein Emirat, das sich über den Sport Vorteile und Einfluss in der Welt verschafft. Weil Geld die Welt regiert. Katar hat sich erkauft, was es wollte. Aber war dieses in fast der ganzen Welt gefeierte größte Fußballereignis deshalb eine Skandal-WM? Ich sage nein. Wer seine moralische Messlatte so hoch anlegt, hätte auch gegen die WM in Russland opponieren müssen und dürfte nicht mehr Fan des FC Bayern sein, denn die Münchner erhalten Millionen aus Katar und beziehen in Doha ihr Trainingslager.

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Diese WM war ein großes Fußballfest, auch in Katar, einem Schmelztiegel der Kulturen. Übrigens, auch mit vielen Arbeits Migranten aus Afrika, die nicht an den europäischen Grenzen im Mittelmeer ertrunken sind. Katar ist eine absolute Monarchie, ein kleines Land das erst vor 50 Jahren nach der Entdeckung der größten Flüssiggasquelle der Welt zu einem unermesslichen Reichtum gekommen ist. Ein Land mit Widersprüchen, ein Land inmitten eines atemberaubenden Wachstumskurses, das noch vor zwei Jahren von der arabischen Welt größtenteils abgeschnitten war, das von Saudi-Arabien offen mit Krieg bedroht wurde und politisches Glück hatte, dass Trump nicht mehr im Weißen Haus sitzt. Ein kleines Emirat, das bei den politischen Unruhen
im arabischen Frühling auf die progressiven Kräfte setzte, während die Saudis als die großen Player am Golf die konservativen Kräfte unterstützten, die letztlich siegten.

Das zu wissen, ist wichtig, um die Bedeutung dieser WM einzuordnen, denn der Weltcup hat die Menschen am Golf über den Fußball vereint. Dass viele tausend Saudis und Araber aus ganz Afrika nach Katar reisten und fröhlich empfangen wurden, ist geopolitisch von großer Bedeutung. Wir Deutsche haben in Katar viel Ansehen verloren. Wunderbar, wir haben mit einer Mund-zu-Geste protestiert. Gegen was? Gegen das Verbot der „One-Love-Binde“. Stattdessen musste Manuel Neuer mit einer Binde „No Discrimination“ auflaufen. Dass diese Botschaft politisch viel stärker ist, hat in dem völlig überbewerteten Hype niemand interessiert. Natürlich war es richtig, Organisationen wie Amnesty International vor der WM in ihrer Klage gegen die Arbeitsbedingungen in Katar zu unterstützen. Das Emirat musste sich dem internationalen Druck beugen und hat einen Mindestlohn eingeführt und will die geforderten Migranten- Büros von den Gewerkschaften einrichten. Beides gibt es in keinem anderen arabischen Land. Will das irgendwer hören?

Das ist es, was ich beklage. Da wird in Deutschland eine moralische Messlatte hervorgeholt, da werden angebliche fehlende Frauenrechte angeprangert, ohne mit katarischen Frauen zu reden, 2,7 Millionen Arbeits-Migranten bedauert, ohne sie zu fragen, wie sie sich in Katar fühlen. Von Menschen, die sich demnächst fröhlich in den Urlaub nach Dubai, Ägypten, Marokko oder in die Türkei verabschieden. Und nie auf die Idee kämen, dass sie möglicherweise in einen „Schurkenstaat“ reisen. Katar ist ein autokratischer Staat, der glaubt, mit Geld Einfluss in der Welt zu bekommen und ein Staat, dessen Rechtssystem auf den Lehren der Scharia fußt. Wie in den meisten arabischen Ländern. Aber Katar ist auch ein Land, das sich im Maßstab der arabischen Welt – zum Entsetzen vieler arabischer Traditionalisten – aus westlicher Sicht in eine positive Richtung entwickelt. Wenngleich vieles aus deutscher Sicht zu bemängeln wäre. Aber steht es uns zu, als Deutsche eine fremde Kultur mit unseren Maßstäben und einem gehörigen Maß Hochmut zu beurteilen und so zu verurteilen? Ich sage nein.

Eine differenziertere Betrachtung und vor allem Respekt und Toleranz haben mir größtenteils in der Berichterstattung über Katar gefehlt.

Bildquellen

  • Mein KaTag: Wolfgang Stephan
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