
Lübeck – Die Ruhe vor dem Sturm oder das Ergebnis der Alternativlosigkeit. Eines ist auf jeden Fall seit Montagabend klar: Die VfB Lübeck Fußballspielbetrieb GmbH kann durchstarten. Das entschieden die Mitglieder mit einer sehr großen Mehrheit. Sie hatten allerdings auch keine Chance, denn sonst wäre dem Verein ziemlich sicher die Gemeinnützigkeit entzogen worden (HL-SPORTS berichtete).
Anspannung auf dem Podium
Dabei war die Anspannung bei den meisten auf dem Podium bis zur Abstimmung deutlich anzusehen. Aufsichtsrat und Vorstand stellten sich den Fragen der Mitglieder, die teilweise harsche Bedenken haben. Am Ende ging alles gut und der neue VfB kann durchstarten. Dafür gab es Applaus.
Gudel dankt seinem Team
Das Highlight im Juniper war jedoch ein anderer Teil des Abends. Als Aufsichtsratsvorsitzender Paul Manthey zum Dank für seinen Vorstandsvorsitzenden ausholte, kam er nicht weit, denn der Saal erhob sich und klatschte sehr sehr langen Beifall für den scheidenden Dr. Dieter Gudel.
Der 50-Jährige sagte danach zu den Mitgliedern:
Vielen lieben Dank. Heute ist mein letzter offizieller Auftritt vor euch, vor der Mitgliedschaft. Und die letzten zwei Jahre waren ja – wenn man mal ehrlich ist – sehr lebendig.
Im Fußball hast du immer mit Köpfen zu tun. Du schlägst irgendein blödes Zeitungsding auf und siehst irgendwelche Heinis, die da reinlächeln. Das ist alles nichts. Das ist reines Marketing, weil Menschen Menschen folgen. Deshalb hängt man vorne irgendwelche Personen auf, die – wenn du Glück hast – in einem Verein auch keine Ahnung von dem haben, was sie tun.
Die Wahrheit ist doch: Wir waren ein Team. Ein großes Team. Inklusive der aktuellen und ehemaligen Vorstandskollegen, der aktuellen und ehemaligen Aufsichtsratsmitglieder sowie der Ehrenratsmitglieder. „Ehemalig“ mag ich gar nicht sagen – ich glaube, vor zwei Jahren hat niemand euer Gremium verlassen.
Aber genau wie ich hier gerade Applaus bekommen habe, so ist das der gleiche Applaus, der den ganzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des VfB gehört. Denen, die sich im Hintergrund jeden Tag den Hintern abarbeiten, um für den Verein das Bestmögliche zu erzielen. Der Applaus gehört ihnen:
Im Greenkeeping: Patric Hamer, Karsten Helmreich, Timo Hagelstein und Peter Behncke.
Auf der Geschäftsstelle: Annette, der man immer wieder in die Arme läuft und die den Finger hebt, weil man vielleicht noch den Mitgliedsbeitrag schuldig ist.
In der Organisation: Florian Möller, der von A bis Z – und dem Buchstaben dahinter – alles abarbeitet, was in der Orga anfällt.
Im Marketing und Sponsoring: Sven, Laura, Kevin, Marvin, Daniel und all die anderen Maschinen, die drumherum arbeiten. Dazu Alex Schreiber, der heute leider nicht hier sein kann.
Im Social-Media-Bereich: Antonia Lichte, die den gesamten Apparat des VfB auf einem Niveau führt, bei dem mancher Zweitligist noch zugucken darf.
Ohne euch und ohne die, die ich gerade vergessen habe – weil ich selbst ein bisschen emotional bin –, würde dieser Laden nicht laufen. Dieser Applaus gehört nicht mir, der gehört euch!
Danke für die geile Zeit mit euch allen. Mein Vorschlag ist: Wir trinken im Anschluss an diese Veranstaltung da hinten die Bar leer. Deshalb bitte ich euch, diesen Applaus noch einmal den gesamten Mitarbeitern des VfB zukommen zu lassen. Danke euch!
Keine Blumen bitte!
Auf die vorbereiteten Blumen verzichtete Gudel, erklärte, dass es eine lange Tradition sei, dass Blumen zum Abschied sowieso im Spielertunnel oder sonst wo stehengelassen würden. Er wollte lieber den persönlichen Abschied von denen, die ihn ins Herz schlossen. Er geht mit Stolz am Ende einer, wie Manthey sagte, „Mission“.
Exklusiv-Interview vor dem Abschied
Aber gegenüber RADIO LÜBECK und HL-SPORTS gab der zukünftige Ex-Vorstandsboss noch einmal in seiner Funktion ein Interview. Zu hören im Lohmühlenecho um 7.40, 13.10, 16.40 und 19.10 Uhr.
Dr. Dieter Gudel, jetzt hier bei Radio Lübeck nach dem Standing-Ovations-Applaus. Hast du so etwas schon mal in einem Verein erlebt?
Dr. Dieter Gudel: Na ja, also Personenkult ist mir fremd. Aber was man da so alles erlebt… kein Kommentar.
Das war ja schon sehr emotional, auch jetzt deine Verabschiedung – auch von dem aktuellen Aufsichtsratsvorsitzenden, Paul Manthey. Was ist dir dabei durch den Kopf gegangen?
Dr. Dieter Gudel: Och, erstmal eine große Dankbarkeit dafür, in den letzten zwei Jahren diese Mission hier gehabt zu haben. Und mir sind im Zeitraffer ein paar sehr, sehr, sehr schöne Momente und auch intensive Momente durch den Kopf geschossen. Deshalb war es mir auch ein Anliegen, mich beim gesamten Team zu bedanken, denn das war nicht ich, das waren wir. Und wir waren eine geschlossene – oder sind eine geschlossene Gruppe, die hervorragend performt hat. Vor dem Hintergrund war es ganz wichtig, all die Wertschätzung, die ich gerade hier vom Auditorium erfahren habe, direkt an meine liebgewonnenen Kollegen weiterzugeben.
Wenn jetzt hier deine Mission beendet ist, hättest du die Mission gerne weitergeführt?
Dr. Dieter Gudel: Na, die Mission war ja wirklich beendet, ne? Also, als wir damals angefangen haben – und damit meine ich auch ein paar meiner Kollegen und nicht ich in der Mehrzahl –, da hatten wir eine Menge Herausforderungen bewältigt, denke ich. Und das jetzt mit der Ausgliederung, das kam ja im Verlauf der Zeit noch mit hinzu. Diese Mission ist tatsächlich mit Ablauf dieses Monats ja auch abgeschlossen. Es ergeben sich immer neue Missionen in einem Verein, sei es jetzt in der Kapitalgesellschaft oder im e.V. Und Fußball ist schnelllebig, und wenn dann Entscheidungen fallen, dass Missionen beendet sind, dann sind sie halt beendet. Es kommen neue.
Jetzt ist ja heute die Ausgliederung mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden. Habt ihr als Lenkungsgruppe und auch aus dem Aufsichtsrat heraus – ich weiß ja nicht, wie gut der Kontakt jetzt in den vergangenen Wochen war – damit so gerechnet, oder ist euch da so ein bisschen trotzdem die Muffensause gegangen?
Dr. Dieter Gudel: Na, es haben sich halt zwei Wellen überlagert. Die eine Welle war die technische hinsichtlich der Ausgliederung, und hinter dem Technischen auch das Emotionale, wie sich der Verein weiterentwickelt. Da haben wir in der Lenkungsgruppe und mit unseren Kollegen sehr intensiv dran gearbeitet und uns auch immer ein Stimmungsbild von Mitgliedern oder von Fangruppen eingeholt. Da war für uns zumindest absehbar, dass ein Wohlwollen da ist. Diese Welle wurde aber überlagert von aktueller Tagesberichterstattung und in der Öffentlichkeit vielleicht nicht immer nachvollziehbaren Entscheidungen unserer Gremien. Das hat tatsächlich zu einer gewissen Spannung geführt, wie die Mitgliedschaft damit umgehen kann oder umgeht. Ich finde, die Mitgliedschaft hat deutlich gezeigt, dass sie das voneinander unterscheidet, und dass sie Kopf und Herz voneinander auch mal ein paar Minuten nicht nur trennt, sondern so einsetzt, wie sie sich gehören. Die Entscheidung, die wir gerade gefällt haben, war eine vom Kopf her. Wie es die Leute emotional betrifft, über die werden wir ja gleich noch was hören.
Abschließende Frage: Zwei Jahre Dr. Dieter Gudel, Vorstandsvorsitzender beim VfB Lübeck, sind ja jetzt bald vorbei. Hast du dir mal Gedanken gemacht, welcher emotionalste Moment dich so mitgenommen hat in den vergangenen zwei Jahren?
Dr. Dieter Gudel: Ui, da waren einige. Nicht nur rund um Dezember 2024, wo wir ein öffentliches Crowdfunding hatten, was beispiellos war. Beide Jahre waren gespickt mit lauter Höhepunkten: DFB-Pokal, Mitglieder-Infoveranstaltungen, Zuspruch von Mitgliedern, Fanthematiken noch und nöcher. Es waren eher vier bis fünf Jahre gefühlt als zwei Jahre.
Vielen Dank und alles Gute für die Zukunft!
Meese und Toschka übernehmen erstmal
Und damit endet die Ära Gudel bei den Grün-Weißen, der innerhalb kürzester Zeit ein Vertrauen und guten Draht auf sehr vielen Ebenen aufbaute. Die neue Zeit beim VfB Lübeck wird von Hanno Behrens und Romain Bregerie gebaut. Sie starten am heutigen Dienstag sportlich in die Saisonvorbereitung. Allerdings noch ohne Cheftrainer. Lukas Oden wird als Torwarttrainer zusammen mit den Nachwuchscoaches Julian Meese und Dominik Toschka die erste Einheit mit den acht unter Vertrag stehenden Spielern um 15 Uhr auf der Lohmühle leiten. Hier wird fieberhaft an einer schnellen Lösung gearbeitet.
Antrag doch rechtzeitig eingereicht
Und noch einmal zurück zur außerordentlichen Mitgliederversammlung. Kurz nach Eröffnung von Kontrollchef Manthey stellte dieser klar, dass der eingegangene Antrag zur Abwahl des Aufsichtsrates doch pünktlich beim Verein einging. Der Vorstand hatte dieses gegenüber HL-SPORTS vor einer Woche erst falsch zurückgemeldet. Der Antrag ging am vorvergangenen Montag um 23.13 Uhr auf der Geschäftsstelle ein. Dennoch wurde er nicht zugelassen. Manthey sagte: „Der Antrag ist fristgerecht gestellt. Das ist richtig, ist aber dennoch unzulässig. Der Antrag hinsichtlich der Beurteilung von Menschen in Organstellungen geht über den Inhalt der beiden eng gefassten Tagesordnungspunkte 2 und 3 hinaus, die zur Einberufung dieser außerordentlichen Mitgliederversammlung geführt haben, nämlich die Entscheidung zur Ausgliederung gemäß Paragraph 4 Absatz 5 der Satzung in Top 2 sowie die Änderungspunkte zur Satzung zwecks Kontrolle und Berichtspflicht der Kapitalgesellschaft gegenüber der Mitgliedschaft und den Organen in Top 3. Genau dazu – und nur hierzu – dient die außerordentliche Mitgliederversammlung. Daher ist der Antrag in dieser außerordentlichen Versammlung unzulässig.“
Abbe-Nachrücker kommt im Oktober
Ob der Antragssteller diesen Antrag erneut auf der ordentlichen Mitgliederversammlung stellt, ist nicht klar. Das dürften die kommenden Wochen und Monate der Entwicklung der neuen GmbH und dem Verein zeigen. Übrigens: Die reguläre Aufsichtsratswahl wird erst im Oktober 2027 gewählt. In diesem Jahr wird der Nachfolger von Carsten Abbe gesucht. Der war vor einer Woche zurückgetreten.
UKL fehlte
Es ist davon auszugehen, dass es auf der Lohmühle in alle Richtungen spannend bleibt. Auch die Fan-Thematik ist noch nicht vom Tisch. Ein Treffen der zerstrittenen Gruppierungen kam nicht zustande, das das Ultra Kollektiv Lübeck (UKL) nicht erschien. Fortsetzung folgt…
Immer dienstags: Das “Lohmühlenecho“ bei RADIO LÜBECK auf UKW 88,5
Als exklusives Erlebnis für die Fans der Grün-Weißen gibt es jede Woche das hörbare “Lohmühlenecho“ bei RADIO LÜBECK. Immer dienstags mit Infos, News und Interviews für Anhänger des VfB Lübeck aus dem Stadion an der Lohmühle. Jeweils gegen 7.45, 13.15, 16.45 und 19.15 Uhr sind wechselnd Mannschaft, Trainer und Vorstand dabei. Außerdem immer montags und freitags zu den gleichen Zeiten das Sport-Telegramm von HL-SPORTS auf 88,5 UKW oder im Stream. Mehr zu RADIO LÜBECK hier: www.radioluebeck.de.











