
Lübeck – 20 Monate ist Dr. Dieter Gudel nun als Vorstandsvorsitzender beim VfB Lübeck im Amt. Der promovierte Sportwissenschaftler, früher bei RB Leipzig und dem HSV, übernahm einen Verein, der zu diesem Zeitpunkt aus der 3. Liga abstieg. Der heute 50-Jährige musste in den ersten Monaten einen Machtkampf im Aufsichtsrat aushalten, hat mit seinem Team zwei Insolvenzen verhindert und mit Hilfe einer externen Finanzkommission die Fehler der Jahre zuvor in der Mitgliedschaft und der Öffentlichkeit transparent dargelegt. Neue Partner wurden gefunden und Sportvorstand Sebastian Harms ein Mini-Etat zur Verfügung gestellt. Die Feuerwehr-Truppe von der Lohmühle ist weiter unterwegs, denn es sind nur noch wenige Meter zu gehen, um die Grün-Weißen in eine saubere und visionäre Zukunft zu führen. Ein Weg, der früher nur von Loch zu Loch ging – Ausweichen, Umschichten und Vorholen waren beim Regionalligisten an der Tagesordnung. Damit ist es vielleicht bald vorbei.
In einem exklusiven Interview mit HL-SPORTS und RADIO LÜBECK (Dienstag ab 7.40 Uhr dort zu hören, hier geht es zum Livestream) sprach Gudel über den Winter, der drei Monate kein Heimspiel hatte – und doch erfolgreich war. Der Vorstandsvorsitzende sagte allerdings ebenfalls, dass es noch eine vermutlich letzte Hürde gibt. Wie ist der aktuelle Stand der Dinge?
„Wir bieten Reichweite und Seriosität“ – letzte Hürde von 250.000 Euro
HL-SPORTS: Herr Dr. Gudel. Der erste Heimspieltag des Jahres 2026 ist gespielt und wurde verloren. In der Mannschaft sind seit dem letzten Heimspiel 2025 einige Dinge passiert, worüber HL-SPORTS berichtete. Aber was war außerhalb des Platzes so los?
Dr. Dieter Gudel: Erstmal muss man sagen: 3.300 Zuschauer für ein Duell im Mittelfeld der Regionalliga bei bestem nasskaltem Regenwetter ist zum Start ein Statement. Es zeigt mir, dass die Fans nicht wegen des Tabellenplatzes kommen. Sie kommen wegen der Ehrlichkeit, mit der wir hier arbeiten, und die die Fans auf und neben dem Platz bei jedem einzelnen Spieler, Trainer und Mitarbeiter spüren. Das ist die eigentliche Kraft unseres VfB. Seit unserem letzten Heimspiel am 6.12.2025 haben wir intern alle Bemühungen verstärkt, unsere immer noch bestehende Liquiditätslücke dieser Saison zu verkleinern und zu schließen. Das gesamte Marketing-Team rund um Sven Theißen, Laura Woisin und deren Kollegen hat hier einen unfassbar guten Job gemacht. Wir haben mit der FLS Group und mit Grieger Sicherheitsdienst beide Ärmelseiten für die Rückrunde veräußert, ebenfalls mit Ziero einen Hosensponsor für die kommenden anderthalb Jahre begeistert. Und dass mit Urbach als Brustsponsor und Schmelzer als Rückensponsor die kommende Saison 26/27 bereits aufgestellt ist, ist ebenfalls als sehr positiv zu bewerten. Wir bieten Reichweite und Seriosität. Dass neben den Trikotpartnern auch Unternehmen wie FLS bis 2028 unterschreiben, ist das beste Zeugnis für unsere Arbeit. Das zeigt auch die Informationsveranstaltung für unsere Sponsoren, die wir im Februar auf der Bühne des Theaters Lübeck absolvierten und im Nachgang viele positive Abschlüsse für die kommende Saison ergab. Doch neben diesen ganzen positiven Entwicklungen fehlen uns für diese Rückrunde immer noch mindestens 250.000 Euro. Mit Hilfe unserer Fans, Mitglieder, Sponsoren und Partner haben wir in den letzten 20 Monaten unfassbare 2 Millionen Euro Defizit abgeräumt, wir sind aber noch nicht fertig. Deshalb versuchen wir jetzt die letzte Hürden zu nehmen, um den VfB finanziell wetterfest zu machen. Das gesamte Team – auf und neben dem Platz – leistet hier in Kleinbesetzung Übermenschliches und agiert auf einem Niveau, wie ich es bislang nur in Lizenzvereinen gesehen habe.
GmbH gegründet – Mitglieder bekommen volle Transparenz
HL-SPORTS: … und beim Thema „Vorbereitung Ausgliederung“?
Dr. Dieter Gudel: Im vergangenen Dezember 2025 haben wir in einer Infoveranstaltung unseren Mitgliedern angekündigt, dass wir zu Jahresbeginn wegen der Gemeinnützigkeit und auf Druck des Finanzamtes eine GmbH gründen müssen, um sämtliche Vorbereitungen für eine erfolgreiche Ausgliederung diesen Frühsommer vornehmen zu können. Diese Hülle wurde Mitte Januar als VfB Lübeck Fußballspielbetrieb GmbH gegründet. Aktuell arbeiten wir in mehreren Arbeitsgruppen die wirtschaftlichen, arbeitsrechtlichen und satzungsbezogenen Fragestellungen auf, die wir demnächst der Mitgliedschaft vorstellen werden.
Aufsichtsräte am „Lübecker Weg“ beteiligt
HL-SPORTS: Was sagen Sie Kritikern, die befürchten, der VfB verliere durch die Ausgliederung seine Seele? Und warum ist dieser Schritt die einzige Überlebenschance für den Aufstieg in die 3. Liga?
Dr. Dieter Gudel: Der VfB verliert keinesfalls seine Seele, wenn die 1. Herrenmannschaft in eine Spielbetrieb GmbH ausgegliedert wird. Unsere Thematik bzgl. der durch Altlasten massiv gefährdeten Gemeinnützigkeit haben Dennis Tensfeldt (Anm. der Redaktion: Mitglied des Aufsichtsrates und Partner der Steuerberatung BTR SUMUS) und ich der Mitgliedschaft mehrfach dargelegt. Und die in 2025 tätige Finanzkommission rund um Detlef Meyer-Stender (Anm. der Redaktion: seit Oktober 2025 Mitglied des AR) hat deutlich auf den Punkt gebracht, dass die Ausgliederung des Profispielbetriebs positiv für den gesamten VfB ist. Es ist für mich eher andersherum: der VfB hat durch die Ausgliederung eine Chance, seine Seele zu bewahren und sowohl im Fußball wie auch im gesamten lebendigen Verein weiter zu bereichern. Die GmbH-Gründung im Januar war der erste entscheidende Schritt und der Prozess in Richtung Sommer läuft, so dass wir unsere Lizenz sichern können. Mit der Ausgliederung werden wir den Profispielbetrieb deutlicher aufstellen bzgl. Sponsorings und strategischen Partnerschaften mit VfBern, die sich finanziell stark engagieren können und uns langjährig begleiten. Hieran arbeiten wir.
Fußballromantik am Stammtisch nicht mehr zeitgemäß
HL-SPORTS: Der VfB hat die erste Saison seit 2013 ohne externen Mäzen absolviert. Das ist selbstverständlich herausfordernd und Sie haben ja von den Schwierigkeiten der aktuellen Saison berichtet. Wäre es nicht einfacher gewesen, wieder nach einem „starken Mann“ mit Scheckbuch zu rufen, statt den steinigen Weg der Eigenständigkeit zu gehen?
Dr. Dieter Gudel: Wir würden uns nicht wehren, wenn VfBer mit hohem finanziellem Engagement uns unterstützen. Im Gegenteil: vom Kleinsponsor im Club 1919 zum Firmenpartner im Club der Hanseaten bis hin zum Unternehmenssponsoring im größeren Stil werden alle gebraucht, um einen modernen Verein erfolgreich aufstellen zu können: aber selbstbestimmt statt fremdgesteuert. Im Lübecker Umfeld ist dies eine besondere Herausforderung, da die ansässigen starken Unternehmerpersönlichkeiten sich eher im kulturellen Bereich engagieren anstatt im Fußball. Wir sehen das aber als Chance: perspektivisch kann sich durch konstante Arbeit unsererseits eine Wucht entwickeln, wenn wir diese Entscheider für uns als strategische Partner auf Augenhöhe gewinnen – und zwar nicht als Notfall-Feuerwehr, sondern offensiv gestaltend und nach vorn gerichtet. Dann ist Lübeck recht schnell der Leuchtturm an der Ostseeküste, da kommt dann recht wenig heran. Die harte Realität sagt uns aber auch, dass moderner Fußball nicht mehr romantisch funktioniert, indem der Vorstand mit Sponsoren trinken geht und sie dann über ihre Liebe zum Verein rumkriegt – diese Zeiten sind vorbei. Wir reden stattdessen aktuell über Reichweiten, Spieltage als B2B-Plattformen, Vereine als „guter Bürger“ der Stadt, über Mitarbeiterbindungen und über Wirtschaftskreisläufe. Hier sind wir vorbereitet und haben unsere Hausaufgaben gemacht. Wir sind uns aber sehr bewusst, dass es in einer Stadt wie Lübeck ein dickes Brett ist, wenn man auf Regionalliga-Niveau agiert. Dann ist die Vokabel der Liquidität allgegenwärtiger, als man es möchte.
„Zwei Millionen Euro Defizit beseitigt“
HL-SPORTS: Sportlich dümpelt der VfB aktuell eher im Regionalliga-Mittelmaß herum. Trotzdem verzeichnen Sie Ticketing- und Mitglieder-Rekorde (fast 2.000) sowie Marketing-Einnahmen auf Rekordniveau. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch, dass die Fans und Sponsoren gerade jetzt so stark zum Verein stehen?
Dr. Dieter Gudel: Das ist für mich kein Widerspruch. Diese Lebendigkeit ist die eigentliche, wirkliche Kraft unseres VfB. Ich habe in den vergangenen 25 Jahren im Profifußball schon einiges erlebt, aber diese Energie ist schon einzigartig. Unsere Fans, Mitglieder, Unterstützer und Sponsoren vertrauen dem VfB, nicht dem Tabellenplatz. Sie erkennen, dass aktuell eine Einheit auf und neben dem Platz alles gibt, um unseren VfB auf allen Ebenen zu entwickeln. Die Mannschaft, das Team rund um unseren Cheftrainer Guerino Capretti, unser Sportvorstand Sebastian Harms, das gesamte Team der Geschäftsstelle und des Marketings rund um Florian Möller und Sven Theißen, bis hin zum Greenkeeping rund um Patric Hamer und den gesamten Breitensport, der von meinem Vorstandskollegen Tobias Redlich aktuell wunderbar revitalisiert wird. Das nehmen die Leute auf allen verschiedenen Ebenen wahr und honorieren das auf und neben dem Platz: mit über 1.500 Dauerkartenverkäufen, über 3.000 Zuschauern bei Heimspielen im Durchschnitt (Anm. der Redaktion: Die Heimspiele gegen Phönix Lübeck und den VfB Oldenburg stehen noch aus) und aktuell fast 2.000 Mitgliedern. Ohne diesen VfB-Spirit wäre es nicht zu erklären, dass wir in den vergangenen anderthalb Jahren im mittleren Niveau der Regionalliga über 2 Millionen Euro Defizit beseitigt haben. Ohne diesen Spirit wäre zum einen unsere 1-Million-Euro-Rettungsaktion im November 2024 nicht gelungen. Und ohne diesen Spirit hätten wir den Verein zum anderen auch nicht mit ehemaligen Mäzenen um eine weitere Million Euro aus einem Darlehen umgeschuldet sowie letztlich entschuldet und den ehemaligen finanziellen Schneeball deutlich reduziert. Alle spüren, dass der VfB sie emotional berührt und alle wollen helfen, wie sie können – und sei es, dass man noch ein weiteres Ticket kauft. Und sollten wir Anfang April gegen den SV Todesfelde gewinnen und damit allen VfBern auch noch ein Stadtderby im Landespokalfinale im Mai anbieten könnten, dann wäre das ein verdientes Ergebnis für die Arbeit aller Beteiligten im und rund um unseren VfB.
HL-SPORTS: Vielen Dank für das Interview und weiterhin viel Erfolg.







