
Lübeck – American Football gilt als die populärste Sportart der USA, die NFL erzielt auch in Deutschland stetig wachsende Einschaltquoten. Doch während das Interesse an den Stars steigt, die nun in die Playoffs starten, bleibt der nachhaltige Durchbruch des Sports auf Vereins- und Ligaebene in Europa weiter aus. Besonders in Norddeutschland zeigt sich: Zwischen Hype und Realität klafft eine große Lücke.
Norddeutschland ohne klare Perspektive
In Lübeck spielen die Lübeck Cougars 2026 erstmals seit über zwei Jahrzehnten wieder in der Regionalliga. Ein Neuanfang auf niedrigem Niveau, getragen vor allem durch Ehrenamt und lokale Strukturen.
Hamburg, lange Zeit als Football-Standort mit Ambitionen gesehen, ist aktuell sportlich bedeutungslos. Die Hamburg Sea Devils, einst eines der Aushängeschilder der European League of Football (ELF), spielen sportlich und strukturell keine prägende Rolle mehr. Zuschauerzahlen, sportliche Ergebnisse und öffentliche Wahrnehmung haben zuletzt deutlich nachgelassen. Und das Chaos in der Leitung hat dem Team das Genick gebrochen.
In Kiel halten sich die Baltic Hurricanes weiterhin in der German Football League, stoßen dort aber an natürliche Grenzen. Die GFL bietet sportliche Stabilität, jedoch kaum internationale Strahlkraft oder wirtschaftliches Wachstum.
ELF und AFLE – zwei Systeme, viele Fragen
Mit der European League of Football sollte ein professionelles, europaweites Produkt entstehen. In der Praxis zeigt sich jedoch ein uneinheitliches Bild: Franchise-Rückzüge, wirtschaftliche Unsicherheiten und ein stark zentralisiertes Modell prägen die vergangenen Jahre. Der Streit zwischen Liga und Team war in den vergangenen Monaten unüberhörbar. Wie und mit welchen Teams die neue Saison – und vor allem wann – an den Start geht, ist nicht klar.
Parallel dazu steht die AFLE (American Football League of Europe) als angekündigtes alternatives Ligensystem im Raum. Konkrete Strukturen, Teilnehmerfelder oder belastbare Finanzierungsmodelle sind bislang jedoch kaum öffentlich nachvollziehbar. Klar ist lediglich: Sie soll neben der ELF existieren – nicht mit der GFL verzahnt.
Die European Football Alliance (EFA) wiederum ist keine Liga, sondern eine Interessenvertretung einzelner ELF-Franchises. Ihre Existenz verdeutlicht vor allem eines: Auch innerhalb der ELF gibt es unterschiedliche Interessenlagen und strukturelle Spannungen.
Finanzielle Unsicherheiten als Dauerproblem
Ein zentrales Thema bleibt die Finanzierung. Mehrere ELF-Standorte hatten in den vergangenen Jahren mit wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen. Die Diskussionen um Investoren, Lizenzmodelle und Abhängigkeiten einzelner Personen zeigen, wie fragil das System ist. Verlässliche, transparente Strukturen sind bislang nicht flächendeckend etabliert.
Für den Football insgesamt bedeutet das: Statt nachhaltigem Wachstum entstehen Parallelwelten, die sich gegenseitig Konkurrenz machen, ohne den Unterbau – also Vereine, Nachwuchsarbeit und nationale Ligen – systematisch einzubinden.
Warum der NFL-Hype nicht überspringt
Der Erfolg der NFL basiert auf klaren Faktoren: Tradition, Verlässlichkeit, lokale Identifikation und ein geschlossenes Ligensystem. In Europa fehlt genau das. Franchises kommen und gehen, regionale Verwurzelung entsteht kaum, und sportliche Durchlässigkeit zwischen den Systemen existiert praktisch nicht.
Bereits die NFL Europe scheiterte trotz massiver finanzieller Unterstützung. Auch heute zeigt sich: Ohne stabile nationale Fundamente lässt sich ein europäisches Profi-System kaum dauerhaft tragen.
Denkbare Alternativen: Europa über die Basis denken
Ein Ansatz könnte sein, die GFL stärker in internationale Wettbewerbe einzubinden – etwa über einen Europapokal der Landesmeister oder eine Champions-League-Struktur des American Footballs. Nationale Ligen würden dadurch aufgewertet, sportliche Leistung belohnt und internationale Vergleiche ermöglicht, ohne bestehende Strukturen zu zerstören.
Ob ein solcher Weg realistisch ist, bleibt offen. Klar ist jedoch: Solange Systeme nebeneinander statt miteinander arbeiten, verliert vor allem eines – der Sport selbst.
Bildquellen
- HHSD: Lobeca/Roberto Seidel
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