
Lübeck – Wenn am 21. und 22. Februar die besten acht U16-Teams Deutschlands in der Hansehalle aufeinandertreffen, ist das für den LBV Phoenix weit mehr als ein sportliches Großereignis. Für Stephan Boness, Leiter der Nachwuchsförderung, und den langjährigen Funktionär Willi Lange ist es ein Signal: Der Hockeysport in Lübeck lebt – und er hat Perspektive. Darüber sprechen sie unter anderem im Interview bei RADIO LÜBECK (Erstausstrahlung am 13. Februar am Freitagvormittag).
Zwischen Wehmut und Aufbruch
Willi Lange blickt mit gemischten Gefühlen auf die Entwicklung des Hockeysports in der Hansestadt. Als er selbst mit dem Sport begann, habe es noch drei starke Vereine in Lübeck und Umgebung gegeben. „Heute ist vieles beim LBV Phoenix gebündelt – mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, sagt er.
Das weinende Auge gelte der verlorenen Konkurrenz in der Stadt, die das Niveau hochgehalten habe. Das lachende Auge dagegen der Entwicklung beim Phoenix. „Viele talentierte Spielerinnen und Spieler sind hier zusammengekommen.“
Auch Stephan Boness sieht die Entwicklung positiv. Seit Ende der 70er-Jahre ist er in Lübeck aktiv. „Über mindestens zwei Jahrzehnte wurde hier mit großem Enthusiasmus gearbeitet“, sagt er. Heute sei der Verein professionell aufgestellt – mit qualifizierten Trainern, klaren Strukturen und Kontinuität im Vorstand.
Gleichzeitig mahnt er: „Wenn wir unseren Sport nicht attraktiv anbieten, gehen die Kinder woanders hin. Und die bekommen wir nicht zurück.“
Hockey ist Familie
Auf die Frage, was für sie persönlich die Faszination am Hockey ausmacht, müssen Stephan Boness und Willi Lange nicht lange überlegen.
„Hockey ist eine Familiensportart“, sagt Boness. Seine Mutter habe ihn bereits mit dreieinhalb Jahren zum Training gebracht – „dafür bin ich ihr bis heute dankbar“. Neben der technischen und körperlichen Herausforderung sei es vor allem das Umfeld, das den Sport besonders mache: Teamgeist, Clubleben und das Miteinander auch abseits des Platzes. „Ich habe noch heute Freundschaften quer durch die Republik und über die Grenzen hinaus – mit Menschen, mit denen ich vor 40 oder 50 Jahren gespielt habe. Diese Bande sind unbezahlbar.“ In der Hockeywelt gelte ein besonderes Vertrauen: „Man kann mitten in der Nacht einen Hockeyspieler anrufen und um Hilfe bitten – da wird nicht gefragt warum, sondern nur wann.“
Auch Willi Lange verbindet mit Hockey vor allem familiäre Prägung. Sein Vater und seine Brüder spielten ebenfalls – „ich habe mit dem Schläger in der Hand laufen gelernt“, sagt er schmunzelnd. Die Community sei weltweit familiär verbunden. Gleichzeitig fordert der Sport Körper und Geist gleichermaßen: „Hockey beansprucht den ganzen Körper – und auch mental ist man ständig gefordert.“ Genau diese Mischung aus körperlicher Herausforderung, taktischer Intelligenz und engem Zusammenhalt mache für ihn die besondere Faszination aus.
„Crème de la Crème“ in der Hansehalle
Die bevorstehende Deutsche Meisterschaft der männlichen U16 bezeichnet Lange als „die Crème de la Crème“. Der Weg dorthin sei anspruchsvoll: Landesmeisterschaften, regionale Qualifikation, mehrere Runden auf höchstem Niveau. „Wer es nach Lübeck geschafft hat, hat sich mehrfach sportlich bewiesen.“
Boness spricht sogar von der „Königsdisziplin“ im Jugendbereich. Während die U18 bereits stark an den Erwachsenenbereich heranrücke und die U14 noch in der Entwicklung stehe, sei die U16 das Kernstück der Nachwuchsarbeit. „Viele dieser Spieler stehen kurz davor, in der Bundesliga aufzulaufen.“
Erinnerungen an frühere Erfolge
Boness weiß, wovon er spricht. Er war der letzte Trainer, der mit einer Lübecker Jugendmannschaft eine Deutsche Meisterschaft erreichte. Entscheidend sei damals der Teamgeist gewesen: „Wir hatten Unterschiedsspieler, aber vor allem waren wir eine geschlossene Einheit.“
Einer aus dieser Mannschaft war Kai Hollensteiner. Er schaffte später den Sprung in die Nationalmannschaft, absolvierte 92 Länderspiele und wurde mehrfach Deutscher Meister. Nur eine Verletzung verhinderte die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1992.
Auch Willi Lange erlebte eine Deutsche Meisterschaft – als Trainer der weiblichen Jugend A, die 1978 Vizemeister wurde. „Unsere Stärke war die enorme Leistungsdichte“, erinnert er sich. Das Damenhockey habe damals jedoch noch nicht den heutigen Stellenwert gehabt.
Damenhockey im Wandel
Gerade im Frauenbereich habe sich enorm viel verändert, betont Lange. „Heute sprechen wir von Vollathletinnen.“ Athletik, Technik, Tempo und mentale Anforderungen seien auf einem ganz anderen Niveau als früher.
Allerdings sieht er im internationalen Vergleich noch Aufholbedarf. In Deutschland gebe es rund 60.000 aktive Spielerinnen, in den Niederlanden dagegen etwa 200.000 – bei deutlich geringerer Bevölkerungszahl. „Das erklärt, warum sie uns in vielen Bereichen voraus sind.“
Wunsch: Eine volle Halle
Für die Deutsche Meisterschaft in Lübeck haben beide einen klaren Wunsch: eine volle Hansehalle. „Die Stimmung überträgt sich aufs Spielfeld – und umgekehrt“, sagt Boness. Die acht Teams hätten es verdient, vor großer Kulisse zu spielen.
„Man muss nichts mitbringen“
Und was braucht es, um selbst mit Hockey zu beginnen? „Eigentlich nichts“, sagt Boness. Der Verein stelle die Ausrüstung, biete Schnuppertraining an. „Wer einmal reinschnuppert, bleibt meist dabei.“
Ein besonderer Pfeiler der Nachwuchsarbeit ist Christel Schneider. Seit rund 50 Jahren betreut sie beim LBV Phoenix die Bambini ab vier Jahren. „Turnschuhe reichen“, sagt Lange. „Den Rest übernehmen wir.“
Boness ergänzt mit sichtbarem Respekt: „Christel wird bald 81 Jahre alt und ist seit einem halben Jahrhundert im Einsatz. Auch Kai Hollensteiner hat bei ihr angefangen. Dafür kann man nur sagen: Chapeau.“ Auch Schneider war bereits im Interview bei RADIO LÜBECK.
Blick nach vorn
Wie stehen die Chancen, dass bald wieder eine Lübecker Mannschaft bei einer Deutschen Meisterschaft vertreten ist? Boness ist optimistisch. „Die Weichen sind gestellt. Unsere U16 ist in dieser Saison nur knapp gescheitert.“ Auch im U12- und U14-Bereich sehe man vielversprechende Entwicklungen. „Ich bin überzeugt, dass wir in den nächsten zwei bis vier Jahren wieder dabei sind.“
Lange erinnert daran, dass der Bau des Kunstrasenplatzes vor rund 20 Jahren ein entscheidender Schritt war. „Ohne moderne Infrastruktur ist nachhaltige Entwicklung kaum möglich.“
Heute, so sind sich beide einig, steht der Hockeysport in Lübeck wieder auf stabilem Fundament – mit viel Tradition, viel Herzblut und einer Perspektive für die Zukunft.
Das vollständige Interview ist heute (13.2.) bei RADIO LÜBECK 88,5 UKW nochmal um 14.15 Uhr sowie um 19.45 Uhr erneut zu hören.
Bildquellen
- Boness & Lange: RADIO LÜBECK/oH
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