Gefeierte Siegerin - nach 47 Jahren gewinnt wieder eine Frau das 91. Deutsche Spring-Derby. (Foto: Kurt-S. Becker)

Hamburg – Das hat es seit 1975 nicht mehr gegeben: Eine Frau, die das Deutsche Spring-Derby gewinnt. Absolut überwältigt, überglücklich und auch ein bisschen fassungslos stand Cassandra Orschel im Einritt, als von allen Seiten die Glückwünsche auf sie einstürmten. Mit der elfjährigen Holsteinerin Dacara E hatte sie im Umlauf nur einen Springfehler hinnehmen müssen und war mit drei weiteren Vier-Fehlerpunkte-Reitern im Stechen angetreten.

Dort traf sie auf den Europameister und dreifachen Derby-Sieger André Thieme mit Contadur, der zwar die schnellste Zeit lieferte, aber bei hohem Risiko zwei Springfehler hinnehmen musste. Platz zwei ging an Frederic Tillmann – Bruder von Derby-Sieger Gilbert Tillmann – mit dem erst achtjährigen Comanche. Auf Platz vier erreichte Sandra Auffarth mit Nupafeed‘s La Vista erneut ein tolles Ergebnis – wie immer in einem hervorragenden Stil, der mit einem Sonderehrenpreis, dem Anrecht-Investment Stil Preis, belohnt wurde. Ein Preis, der übrigens im Zuschauervoting ermittelt wurde.

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Nun reiht sich Cassandra Orschel, die gebürtige Hamburgerin ist, aber für Polen startet, weil ihre Mutter Polin ist, in die Riege der Derby-Sieger ein – und mehr: der Derby-Siegerinnen. Bisher erst vier Frauen haben das in der über 100-jährigen Derby-Geschichte geschafft: 1934 Irmgard von Opel, 1949 Käthe Schmidt-Metzger, 1970 die Britin Marion Mould und 1975 ihre Landsmännin Caroline Bradley. „Wenn man das erste Mal dabei ist beim Derby und vor so einer Kulisse reiten darf, ist man mit so einer Runde – ganz gleich mit welchem Ergebnis – glücklich“, strahlte die 29-jährige Cassandra Orschel, immer noch ungläubig über das blaue Band der Derby-Siegerin, das über ihre Schultern gelegt wurde. Eine Hamburgerin, die mit einer Holsteiner Stute das Derby in Klein Flottbek gewinnt – ein norddeutsches Märchen ist wahr geworden.

Fünfjährig wechselte Dacara E über die Holsteiner Auktion in den Stall von Cassandra Orschel, zeigte sie sich anfangs allerdings schwierig: „Aber ich habe mich trotzdem in sie verliebt und wollte sie unbedingt haben“, erinnert sich Orschel. „Ich habe sie dann behutsam aufgebaut und ausgebildet. Ich wollte eigentlich hier ein anderes Pferd reiten, aber im Training zeigte sich, dass Dacara E diese Aufgaben ‚mit dem Finger in der Nase‘ löst“, lacht Orschel, „und da wollte ich es unbedingt hier probieren – als Hamburgerin beim Derby.“

Etwas überrascht war Frederic Tillmann von seinem zweiten Platz: „Comanche ist sehr unerfahren. Das war schon ein bisschen gewagt, mit ihm hier zu starten, aber er hat eine super Einstellung, sehr viel Vermögen, ist sehr brav und will alles richtig machen. Das hat er heute auch gezeigt und da bin ich mächtig stolz drauf.“

André Thieme war im Umlauf sehr nah an der Nullfehlerrunde, die den vierten Derby-Sieg für ihn hätte bedeuten können. Doch eine Unsicherheit am Buschoxer ließ diesen Traum platzen: „Contadur ist ein tolles, vorsichtiges Pferd – aber an diesem einen Sprung steht ihm seine Qualität und Vorsichtigkeit leider etwas im Weg. Den Rest des Parcours hat er gekämpft wie ein Löwe und hat sich für mich echt zerrissen. Da hilft nur eins: Noch mehr üben!“ Er sei ein ehrgeiziger Mensch und wolle da auf jeden Fall dranbleiben. Klingt nach einem Wiedersehen im Derby.

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Drei weitere Herren zeigten sich überglücklich mit dem Verlauf des Deutschen Spring- und Dressur-Derby 2022. Albert Darboven freute sich sehr, „dass endlich eine junge Dame gewonnen hat. Ihr Ritt hat mir sehr gut gefallen und ihr Pferd hat mir sehr gut gefallen“, lautete das bedeutende Lob.

Der Hamburger Sport- und Innensenator Andy Grote hatte selbst zu Pferd die Siegerin in die Arena eskortiert und genoss die Atmosphäre in Klein Flottbek sehr: „Ich freue mich, dass das Derby wieder gestartet ist, dass es hier voll war, dass wir diese Atmosphäre hatten, dass alle begeistert waren“, schwärmte er. „Da geht einem als Sportsenator schon das Herz auf. Als wir gesehen haben, wie voll es hier war – das war schon ein Statement, dass man sich als Hamburger vom Wetter nicht abhalten lässt, weil es einfach eine sensationelle Veranstaltung ist. Ich fand es großartig!“

Rund 90.000 Zuschauer fanden nach den coronabedingten Ausfällen 2020 und 2021 den Weg in den Derby-Park – und das, obwohl das Wetter alles andere als einladend war. „Es ist im Grunde etwas, was mich sehr glücklich macht“, so Derby-Chef Volker Wulff. „Ich habe das Derby noch nie so verregnet erlebt, aber die Hamburger kommen trotzdem. Wir haben fast genauso viele Zuschauer wie 2019, da hatten wir sehr schönes Wetter. Das zeigt, dass die Leute wegen des Derbys kommen – das ist natürlich toll.“

Ein großes „Danke, Hamburg!“ musste auch Cassandra Orschel noch loswerden: „Einfach, dass ich hier vor dieser Kulisse reiten durfte, meine Familie und meine Freunde hier waren, die mitgefiebert haben, die immer an Ort und Stelle waren und auch genau wussten, wann sie mich auch mal in Ruhe lassen mussten – ich danke einfach allen, die diesen Tag heute mit mir erleben durften“, strahlte eine emotionale Derby-Siegerin.

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