Zwischen Wakenitz und Wettkampfring: Amir Darwishs ungewöhnliche Vorbereitung

Klares Ziel vor Augen

Amir Darwish in der Pause. Foto: Nils Glieden Fotografie, Instagram: @fotografie_nilsg/oH

Lübeck – Während sich Spaziergänger mit dicken Schals an der Wakenitz entlangziehen und Kinder vorsichtig erste Schritte auf dem gefrorenen Eis wagen, spielt sich wenige Meter daneben eine Szene ab, die selbst abgebrühte Lübecker innehalten lässt. Ein großer Mann, nur mit Mütze und Shorts bekleidet, tritt auf die Eisfläche, schlägt ein Loch in die dicke Schicht – und steigt ruhig, beinahe genüsslich, ins Wasser. Die Temperatur liegt nahe dem Gefrierpunkt. Die Blicke der Umstehenden schwanken zwischen Irritation und Bewunderung. Für Amir Darwish ist es Trainingsroutine. „Wenn ich keine Lust habe, trainieren zu gehen, steige ich vorher einfach ins Eisbad“, sagt der Schwergewichtler vom Combat Sports Lübeck – und lächelt dabei, als spreche er über einen kurzen Spaziergang.

Vom Kälteschock zur Methode

Die ersten Versuche verliefen allerdings alles andere als souverän. Einfach hineinspringen und durchziehen? „Das war keine gute Idee“, erinnert sich der Kickboxer lachend. „Meine Atmung hat komplett verrücktgespielt.“ Also folgte der kontrollierte Weg: Atemtechniken, kalte Duschen, schrittweise Gewöhnung. Inzwischen steigt Darwish täglich ins Eisbecken – oder direkt in die heimischen Gewässer. Wenn diese zugefroren sind, wird eben nachgeholfen. Der Effekt sei spürbar. „Es ist wie ein Reset für das Nervensystem“, erklärt er. Gerade im Schwergewicht, wo ein Moment der Unachtsamkeit entscheidend sein kann, ist mentale Klarheit ein Vorteil.

Spät gestartet, bewusst entschieden

Im Vergleich zu vielen Konkurrenten begann seine Laufbahn ungewöhnlich spät. Zunächst dominierte Krafttraining den sportlichen Alltag, später kam das Boxen hinzu. Im K1 fand Darwish schließlich seine Leidenschaft. „Bestimmte Bewegungsmuster lernt man als Jugendlicher leichter“, sagt er offen. „Aber mit Mitte 30 weiß man genau, warum man trainiert.“ Trainer Andreas Wiechmann sieht darin sogar eine Stärke: „Amir arbeitet sehr strukturiert. Er hinterfragt viel und setzt Dinge konsequent um. Diese Ernsthaftigkeit hilft ihm im Ring.“

Wucht, Reichweite – und Kondition

Bis 94 Kilogramm reicht die Gewichtsklasse, in der Darwish antritt. Dort kann ein einziger sauberer Treffer den Kampf entscheiden. „Im Schwergewicht steckt einfach mehr Wucht“, sagt Wiechmann. „Da musst du hellwach sein.“ Typisch für diese Klasse: harte Schläge, etwas geringere Schlagfrequenz – und oft Konditionsprobleme in den späten Runden. Genau hier setzt Darwish bewusst an. Kaum eine Conditioning-Einheit wird ausgelassen. „Viele Schwergewichte bauen schneller ab“, sagt er. „Ich will derjenige sein, der in der dritten Runde noch Druck macht.“ Seine Körpergröße verschafft ihm häufig Vorteile auf Distanz. Gelingt es, den Gegner auf Reichweite zu halten, spielt ihm das in die Karten. Kommt der Kontrahent jedoch permanent in den Nahbereich, kann die eigene Länge auch hinderlich werden. Taktik und Geduld sind gefragt. Bei Storm FC Vol. 1 im Jahr 2025 bewies Darwish genau das: Drei intensive Runden, hohes Tempo – am Ende ein Punktsieg.

Amir Darwish mit dem Kick. Foto: Nils Glieden Fotografie, Instagram: @fotografie_nilsg/oH

Kichererbsen statt Kompromisse

Konsequenz zeigt sich nicht nur im Training, sondern auch auf dem Teller. Der Schwergewichtler lebt vegan – aus ethischer Überzeugung. „Natürlich muss man als Sportler genau auf Nährstoffe achten“, erklärt Darwish. „Mit tierischen Produkten ist manches einfacher. Aber es gibt heute genug Alternativen. Ich habe das nie als Nachteil empfunden.“ Kichererbsen, Linsen, Haferflocken und pflanzliche Proteinquellen gehören fest zum Ernährungsplan. Für ihn zählt nicht das Klischee vom Steak essenden Schwergewicht, sondern die Leistungsfähigkeit. Trainer Wiechmann bestätigt: „Sein Lebensstil passt zu seiner Disziplin. Und im Kampf sieht man, dass ihm am Ende nicht die Luft ausgeht.“

Heimspiel mit doppelter Wirkung

Am 9. Mai 2026 steht bei den Storm Fighting Championships Volume 2 der nächste Auftritt in Lübeck an. Kämpfen in der eigenen Stadt kann beflügeln – oder Druck erzeugen. „Im Ring bekomme ich viel mit, auch die Rufe von außen“, sagt Darwish. „Positive Dinge pushen natürlich. Aber manchmal hört man auch Kommentare, die weniger schön sind. Wie man damit umgeht, ist Typsache.“ Für ihn ist klar: Die Vorbereitung beginnt nicht erst im Gym. Sie beginnt am Morgen im Eiswasser. Während andere also frierend am Ufer stehen, steigt Amir Darwish vermutlich wieder in die nächste Eistonne. Nicht, um Eindruck zu machen. Sondern um im entscheidenden Moment einen klaren Kopf zu behalten – wenn im Schwergewicht ein einziger Schlag alles verändern kann.

Anzeige
AOK
Anzeige
Anzeige
Anzeige
VfB Lübeck
Anzeige
AOK

Tickets erhältlich

Tickets für die Storm Fighting Championships Volume 2 sind ab 25 Euro erhältlich unter www.stormfc.de.

Gelingt den Beach Devils die Meisterschaft in der Regionalliga Nord?

View Results

Wird geladen ... Wird geladen ...

Bildquellen

  • Amir Darwish (1): Nils Glieden Fotografie, Instagram: @fotografie_nilsg/oH
  • Amir Darwish in der Pause: Nils Glieden Fotografie, Instagram: @fotografie_nilsg/oH
Gefällt Dir unsere journalistische Arbeit?

Dann unterstütze uns hier mit einem kleinen Beitrag. Danke.

- Anzeige -

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein