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07.11.2013, 20:38 Uhr  //  Fußball

Zeugen des Skandalspiels: „Die große Angst des Jungen war berechtigt!“

Zeugen des Skandalspiels: „Die große Angst des Jungen war berechtigt!“
 ns/ju (Collage) (Bild) rk (Text) // www.hlsports.de


Lübeck/ Neumünster – Das am vergangenen Sonntag abgebrochene A-Junioren Verbandsligaspiel zwischen der SG VfR/ Saxonia Neumünster und dem TSV Travemünde schlug nicht nur auf dem Platz hohe Wellen, sondern geisterte nach dem HL-SPORTS Artikel durch sämtliche Medien des Nordens. Auslöser war ein Kopfstoß auf dem Feld durch einen Travemünder Spieler und die darauffolgende Hetzjagd in den nahegelegenen Stadtwald durch einen Neumünsteraner Zuschauer, die bis zu einem Sanitätswagen ging, wo der Flüchtende Schutz vor Vergeltungsmaßnahme fand. Dem verletzten Spieler der gastgebenden Mannschaft geht es glücklicherweise inzwischen auch wieder besser, er konnte nach einer Nacht im Krankenhaus und dortiger Versorgung der blutenden Verletzung am Auge (Cut) sowie weiteren Untersuchungen wieder nach Hause. Er wird keine bleibenden Schäden davontragen und fehlt seinem Team voraussichtlich für zwei Wochen.

Bei HL-SPORTS meldeten sich mehrere Augenzeugen, die insbesondere auf die Gegendarstellung von Neumünsters Trainer Kai Schlotfeldt reagierten. Unterstrichen sei, dass alle Zeugen des unglaublichen Vorfalls am Sonntagnachmittag die schlimme Tätlichkeit des 17-jährigen Travemünders verurteilen und auch eine Strafe von Verbandsseite fordern. Doch was mit der anschließenden Verfolgung des jugendlichen Täters kam, war für die meisten Gesprächspartner von HL-SPORTS nicht nachzuvollziehen. Tim Cassel (Projektleiter Schleswig-Holstein kickt fair, Gewaltprävention, Integration im SHFV) sagte: „Wir halten uns mit Einschätzungen zurück und analysieren diesen Vorfall im Jugendausschuss und mit beiden Vereinen. Jeder dieser Fälle ist einer zuviel und bei 2.500 Fußballspielen am Wochenende in Schleswig-Holstein fällt so ein Vorfall in den Promille-Bereich. Wir arbeiten das jetzt auf.“ Er bestätigte auch, dass die Wertung der Partie bereits mit 4:0 Toren und drei Punkten für die VfR-Spielgemeinschaft entschieden und der Travemünder Spieler vorläufig gesperrt wurde.

Augenzeugen berichteten gegenüber HL-SPORTS im Kern das gleiche. Hier waren zum Beispiel zwei Jugendspieler eines anderen Vereins im VfR-Stadion an der Geerdstraße zugegen, die beobachtet haben, dass die Begegnung sehr hitzig geführt wurde und der Schiedsrichter nicht so konsequent durchgegriffen habe, wie es vielleicht erforderlich gewesen wäre. Die Tätlichkeit gegen den jungen Neumünsteraner werteten sie als klare Rote Karte, doch auch die aggressive Verfolgung durch einen Zuschauer mussten sie miterleben. Dieser Zuschauer soll der Vater des blutenden Jungen gewesen sein, er hatte eine Jacke vom PSV Union Neumünster an. Auf Nachfrage beim PSV bestätigte ein Vorstandsmitglied, dass es sich womöglich um den 38-jährigen Vater des verletzten VfR/Saxonia-Spielers handelte, dieser sei jedoch seit längerer Zeit nicht mehr als Jugendtrainer in ihrem Club tätig. „Wir distanzieren uns von dieser Aktion und verurteilen das Geschehene“, hieß es von PSV-Seite.
Ein anderer Zuschauer der Partie berichtete, dass VfR/ Saxonia klar besser gewesen sei und auch schon verdient mit 4:0 geführt habe. Viele kleine versteckte Fouls im Rücken des Unparteiischen wollte er erkannt haben, doch das wäre ja auch „normal“. Bei dem Augenzeugen handelte es sich um Klaus G. (50), der aus Lübeck zu dem Spiel gefahren ist, um den TSV Travemünde zu beobachten. Ihm fiel auf, dass mit zunehmender Spielzeit die Verbalattacken der untersten Kategorie vermehrt auftraten und die Begegnung immer hitziger wurde. Er hatte nicht den Eindruck, dass die TSV-Spieler übermäßig gefrustet waren, sondern einfach einen ganz schlechten Tag hatten. „Es hat bei der Mannschaft nichts geklappt“, meinte der 50-jährige und fügte hinzu: „Das Foul vom Travemünder Spieler geschah ungefähr an der Mittellinie, und es fielen einige Schimpfwörter von Neumünsteraner Seite in seine Richtung. Daraufhin bildete sich ein Rudel, wo verbal gegen ihn weitergehetzt wurde. Auf der anderen Seite des Spielfeldes konnte ich beobachten, wie sich eine zweite Menschentraube um einen anderen TSV-Spieler versammelte. Hierbei gab es auch diesen Kopfstoß. Erst danach konnte ich erkennen, wie die Trainer auf das Spielfeld liefen, um die Situation zu entschärfen. Um mich herum sprang sofort ein Zuschauer auf und wollte ebenfalls auf das Feld stürmen. Ich hielt ihn fest und riet ihm, sich zu beruhigen. Ich musste mich beleidigen lassen und er schrie in Richtung Spielfeld „Ich bringe dich um“. Kurz darauf riss er sich los und lief auf den Travemünder Spieler, der den Kopfstoß abgab, zu. Der Junge hat das natürlich mitbekommen, lief aus Angst in den Wald bis zu einem Sanitätswagen, wo er sich Hilfe erhoffte und letztendlich auch bekam. Das war schon ein schrecklicher Augenblick. Erst der blutende Junge am Boden und dann diese Verfolgung mit den Worten „Ich bringe dich um“. So etwas habe ich noch nie erlebt“, sagte der Lübecker Zuschauer. Er begab sich auf die Suche nach dem Travemünder Spieler und fand ihn letztendlich in dem Sanitätswagen. „Er hatte Todesangst und wollte nicht herauskommen. Erst als die Polizei eintraf, traute er sich wieder heraus“, fügte G. hinzu.

Polizeisprecher Sönke Hinrichs schilderte den Fall wie folgt: „Um  13.05 Uhr ging ein Notruf von Sanitätshelfern bei der Polizei Neumünster ein. Eine Streifenwagenbesatzung fuhr in die Nähe des VfR-Stadions zum Stadtwald, wo eine Radsportveranstaltung stattfand und dort eine Person um Schutz bat. Die Beamten nahmen die Personalien von zwei Personen auf und geleiteten den Schutzsuchenden zu seiner Mitfahrgelegenheit. Was im Stadion vorgefallen ist, haben die Beamten nur durch Hörensagen erfahren. Am Nachmittag ging bei der Polizei eine Strafanzeige wegen Körperverletzung von dem Vater des anscheinend verletzten Neumünsteraner Spielers ein. Die Staatsanwaltschaft wird nun entscheiden, wie es weitergeht.“

Ein Sanitäter, der bei dem Vorfall am Sanitätswagen dabei war, wollte nicht so recht über das Geschehene sprechen. Er bestätigte jedoch folgendes: „Bei uns suchte ein Junge Schutz, den wir ihm auch gewährten. Der Jugendliche in einem Travemünder Trikot hatte große Angst, und die war auch berechtigt.“ Mehr war dem Retter nicht zu entlocken, er wirkte ebenfalls eingeschüchtert und möchte seinen Namen nicht veröffentlicht haben. Kai-Uwe Preuß, vom Regionalvorstand des Sanitätsdienstes bestätigte sagte zu HL-SPORTS: „Ein Junge lief mit einer blutenden Hand zu den Sanitätern. Er wurde definitiv verfolgt und die Helfer gaben ihm Schutz vor dem aggressiven Mann, die Herausgabe des jungen Travemünders vehement forderte. Die Mitarbeiter ließen dieses aber nicht zu und wurden darauf verbal sehr stark attackiert. Der Mann übte keine Gewalt gegen die vier Sanitäter aus und verschwand bevor die gerufene Polizei eintraf.“

Eine weitere Aussage gegenüber HL-SPORTS von einem 59-jährigen Augenzeugen der Partie (Name der Red. Bekannt), sagte aus, dass es sich um ein unfaires Spiel der Neumünsteraner handelte, die immer wieder mit schlimmsten Verbalattacken provozierten – auch in unmittelbarer Nähe des Schiedsrichters. „Er hatte die Partie zu keiner Zeit im Griff und konnte sich nicht durchsetzen“, sagte der geschockte 59-jährige. Das auslösende Foul und den Kopfstoß konnte er nicht beobachten, jedoch sah er, wie ein Zuschauer wildgestikulierend von einem anderen Zuschauer festgehalten wurde und kurz darauf doch das Feld stürmte und auf den Travemünder Junioren-Kicker losging. „Der TSV-Spieler wollte gerade Richtung Trainerbank gehen und hat dann den Zuschauer auf sich zustürmen sehen. Dieser schrie „ich bring dich um – ich stech dich ab“ und erst daraufhin ist der Junge weggelaufen.“

Adam Karwat-Raube, der Trainer der Travemünder Mannschaft, war an dem Tag nicht dabei und erfuhr erst nach dem Spielabbruch von der Sache. Er sagte zu HL-SPORTS: „Ich bin froh, dass meine Spieler heil nach Hause gekommen sind und kann nicht nachvollziehen, was in Neumünster geschehen ist. Mein Spieler hat einen schlimmen Fehler gemacht, doch das rechtfertigt nicht, dass er unter Todesangst nun das Haus nicht mehr verlassen möchte. Er hat seinen Fehler eingesehen und fürchtet nun die Strafe vom Verband und vor allem durch die Justiz. Ich war nicht dabei, aber so wie es mir von vielen Mitgereisten erzählt wurde, bewegen wir uns bei dem Kopfstoß im möglichen Bereich der Notwehr. Er wusste anscheinend keinen anderen Ausweg, als er von mehreren Gegenspielern stark bedrängt wurde. Wir haben am Dienstag das Training ausfallen lassen und zusammen mit Eltern sowie Spielern gemeinsam die Sache analysiert. Die Eltern der meisten meiner Spieler möchten nicht, dass ihre Kinder zum Rückspiel gegen die SG VfR/ Saxonia Neumünster antreten. Die Morddrohung wird von den Erziehungsberechtigen zur Anzeige gebracht und auch eine zweite Anzeige gegen einen Betreuer der Neumünsteraner wird in Erwägung gezogen.“ Der 37-jährige A-Junioren-Coach berichtete noch weiter davon, dass er im Vorwege schon vor den Neumünsteranern gewarnt wurde: „Ein Trainer einer anderen Mannschaft aus der Verbandsliga hat mich schon vor der robusten Gangart von VfR/ Saxonia gewarnt und gesagt, dass wir uns warm anziehen sollten.“

HL-SPORTS befragte dazu Rico Bromm als Trainer des SV Bönebüttel-Husberg, der mit seiner U19 ebenfalls in der gleichen Klasse spielt. Hier kam es am 1. Oktober zum Derby mit der SG aus Neumünster (beide Sportvereine liegen nur 10 km auseinander). Bromm berichtete von dem Spiel und schätzte dieses als emotionales Derby ein. Er beschrieb die Mannschaft von Schlotfeldt als Gegner, der aggressives Pressing spielt und auch nicht mit zuwenig Selbstbewusstsein ausgestattet ist. „Der verletzte Spieler hat früher mal bei uns gespielt und ist nicht auffällig gewesen. Sein Vater hält eben zu seinem Sohn, doch das was da abgelaufen sein soll, kann ich nicht nachvollziehen. Ich glaube nicht, dass Travemünde an der Entstehung dieses Ablaufes allein verantwortlich ist. Wir haben schon gegen die Travemünder gespielt und das Spiel war von beiden Seiten absolut fair. Es gab eine Fünf-Minuten-Strafe gegen meine Mannschaft, aber das kann mal passieren. So wie ich die Travemünder kennengelernt habe, kann ich das in Neumünster geschehene nicht nachvollziehen. Bei der SG VfR/ Saxonia ist allerdings einiges möglich, die Mannschaft steht nicht umsonst in der Fairnesstabelle auf dem letzten Platz.“

VfR-Trainer Schlotfeldt kann das alles nicht verstehen und wurde von HL-SPORTS noch einmal zu dem Tage befragt. Der Kriminalhauptkommissar bei der Landespolizei sagte: „Warum wir in der Fairnesstabelle ganz unten stehen, kann ich nicht beantworten. Da müsste man mal die Schiedsrichter fragen. Meine Mannschaft geht ganz normal mit anderen um und beim Spiel gegen Travemünde ist alles absolut fair abgelaufen und der Schiedsrichter hatte alles absolut im Griff. Verbalattacken habe ich nicht mitbekommen und dass einer meiner Spieler gespuckt haben soll, kann ich auch nicht bestätigen. Wir wollen über den TSV Travemünde einen Weg finden, sportlich und vernünftig miteinander umzugehen.“ Im Gästebuch auf der Internetseite seiner Mannschaft wurden einige Einträge gelöscht, die die Gewalt gegen den Neumünsteraner Spieler verurteilten, aber auch darauf hinwiesen, dass die gastgebende Mannschaft von der Geerdstraße sich als unfair zu erkennen gab. Zusätzlich wurde auch zu der Verfolgung des Täters unter Morddrohungen etwas geschrieben und dass diese verurteilt werden (HL-SPORTS liegen Screenshots vor). Zu der Verfolgung bleibt noch fraglich, ob bei den anwesenden Zuschauern, die von mehreren Zeugen mit ca. 30 bis 40 angegeben wurden, diese die Rückennummer des Täters nicht schnell erkannt hätten können. Schlotfeldt sagte zu der Löschung dieser Beiträge: „Unsachliche Dinge lasse ich auf unserer Seite nicht zu, das gebietet die redaktionelle Freiheit. Eventuell wird das Gästebuch gelöscht.“

Der Travemünder Trainer Karwat-Raube ist sehr enttäuscht und möchte zusammen mit Sportwart Stefan Voss diesen schlimmen Vorfall weiter aufarbeiten. Er sagte abschließend: „Es wird keinen Gewinner geben, selbst wenn ein Rückspiel stattfindet, wovon ich momentan nicht ausgehe.“

Eines sollte spätestens nach diesem Vorfall allen Sportlern klar sein: Schlimmste verbale Provokationen, Gewalt oder auch Zuschauereinflüsse in dieser Richtung, bis hin zu Morddrohungen, haben nichts auf einem Sportgelände zu suchen.

Einen weiteren Bericht zu diesem Vorfall gibt es hier.

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